© Paoletti
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Boves © Paoletti

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Das Boves-Massaker. Das erste Massaker an unschuldigen Zivilisten, das die Nazis während des Zweiten Weltkriegs in Italien verübten. In der Tat ein doppeltes Massaker: Am 19. September 1943 wurde die Kleinstadt im Piemont, in der Provinz Cuneo, die heute etwas mehr als 9.000 Einwohner zählt, von einem Bataillon der Waffen-SS niedergemetzelt. Es gab 21 Tote – unter ihnen der Pfarrer Don Giuseppe Bernardi und sein Stellvertreter Don Antonio Ghibaudo – und 351 in Brand gesetzte Häuser. Das Massaker wurde von denselben deutschen Soldaten in der Umgebung von Boves und im Stadtzentrum wiederholt, das zwischen dem 31. Dezember 1943 und dem 3. Januar 1944 erneut in Brand gesetzt wurde: weitere 59 Opfer, unter Zivilisten und italienischen Partisanen.

Sobald es die Pandemie zulässt, wird Boves offiziell seine Städtepartnerschaft mit Schondorf am Ammersee feiern, einem bekannten Ort am Westufer eines der beliebtesten und schönsten Seen Bayerns, 40 km von München entfernt. Offenbar eine Städtepartnerschaft wie viele andere Städte oder Orte verschiedener Nationen. Normalerweise “vereinen” sie sich, weil sie Traditionen, geografische Besonderheiten, historische Umstände und kulturelle Elemente gemeinsam haben.

Alexander Hermann, sindaco di Schondorf © Degl'Innocenti

Alexander Hermann, sindaco di Schondorf © Degl’Innocenti

Doch was verbindet Boves und Schondorf so sehr, dass sie diese Partnerschaft eingegangen sind? «Nichts, außer einem Grab», antwortet Alexander Herrmann, Bürgermeister der bayerischen Stadt, aufrichtig und fast entwaffnend.

Und es ist dieser fast zwei Meter große Mann mit seinem dichten grauen Haar und dem ebenso dichten Bart, der uns das Grab auf dem kleinen Friedhof der Stadt zeigt, der, wie es die Tradition vorschreibt, am Fuße der barocken Pfarrkirche Sant’Anna liegt. Ein dunkler Marmorgrabstein, durch die Zeit noch dunkler geworden, ohne Kreuze oder andere religiöse Symbole, mit einigen Namen eingemeißelt, die jetzt schwer zu lesen sind: darunter der von Joachim (Jochen) Peiper. Geboren am 30. Januar 1915 in Berlin, kommandierte er im Rang eines “Sturmbannführers” ein Bataillon der “1. SS-Panzer-Division Leibstandarte SS Adolf Hitler”, der wichtigsten Panzerdivision der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg. Aber auch eine der blutrünstigsten Nazi-Einheiten, aufgrund der zahlreichen Kriegsverbrechen, deren sich ihre Mitglieder an zahlreichen Fronten schuldig machten. Im September 1943 war die Division in der Gegend von Cuneo stationiert und es war Peiper selbst, der seinen Männern befahl, die rücksichtslose “Bestrafung” von Boves durchzuführen, als Vergeltung für den Tod eines deutschen Soldaten während eines Zusammenstoßes mit einer italienischen Partisaneneinheit.

Joachim Peiper © Bundesarkiv B 183-R65485 © CC BY-SA 3.0

Joachim Peiper © Bundesarkiv B 183-R65485 © CC BY-SA 3.0

Peipers Krieg ging in den Ardennen, in Belgien, weiter, wo er in Malmedy im Dezember 1944 etwa 80 unbewaffnete amerikanische Kriegsgefangene hinrichtete. Für dieses Verbrechen wurde er in Deutschland vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt, ein Urteil, das später in lebenslange Haft umgewandelt wurde, bis er 1956 vorzeitig entlassen wurde. Für das Massaker an Boves hingegen kam Peiper nie vor Gericht: 1968 entschied das Stuttgarter Gericht, nicht gegen ihn vorzugehen. Der Nazi-Verbrecher, der inzwischen unter falschem Namen in Frankreich lebte, starb in der Nacht des 13. Juli 1976 bei einem Hausbrand. Vermutlich wurde er Opfer eines Racheaktes ehemaliger Mitglieder des Widerstandes gegen ihn.

Sein Körper wurde verkohlt gefunden, aber im Laufe der Jahre gingen seine Überreste verloren. Bis im Oktober 2013 die katholische Kirchengemeinde Schondorf einen Brief von einer Gruppe von Gläubigen aus Boves erhielt, die darum baten, das Grab von Jochen Peiper als Zeichen des Friedens und der Versöhnung besuchen zu dürfen.

La tomba di Peiper © Degl'Innocenti

La tomba di Peiper © Degl’Innocenti

Die Überraschung in der katholischen Gemeinde der bayerischen Kleinstadt war groß. So sehr, dass sich der damalige “Kirchenpfleger” von St. Anna, Marius Langer, sofort auf die Suche nach dem auch ihm unbekannten Grab machte. Überrascht, aber auch bestürzt über die Entdeckung, einen Nazi-Verbrecher unter den Toten auf dem Friedhof zu haben.

«Tatsächlich wurde die Angelegenheit zunächst mit großer Vorsicht behandelt – erinnert sich Bürgermeister Herrmann – auch weil man in unserer Gemeinde die Gefahr fürchtete, dass dieses Grab zu einer Art Wallfahrtsort für nostalgische Neonazis werden könnte».

Schließlich war Peiper nicht irgendein Nazi-Offizier, sondern einer der höchstdekorierten, zu Beginn seiner militärischen Karriere auch Adjutant von Heinrich Himmler, Hitlers rechter Hand. Der Grabstein trägt auch die Namen von Peipers Frau Sigurd, die wiederum Himmlers Sekretärin war, und von zwei Brüdern des Nazi-Offiziers. Wann und unter welchen Umständen die Bestattungen stattgefunden haben, konnte nicht rekonstruiert werden.

Il sindaco di Boves Maurizio Paoletti © Paoletti

Il sindaco di Boves Maurizio Paoletti © Paoletti

Direkte Kontakte zwischen den Gemeinden Boves und Schondorf begannen fast unmittelbar nach der beunruhigenden Entdeckung: zunächst zwischen den religiösen Gruppen, mit ihren jeweiligen Pfarrern, Monsignore Heinrich Weiss und Don Bruno Mondino, dann zwischen Vertretern der Gemeinden.

Und im Laufe der Jahre haben sie sich intensiviert, auch dank gegenseitiger Besuche, unter anderem von Studenten und Jugendchören, und der Teilnahme einer bayerischen Delegation am traditionellen Friedensmarsch Cuneo-Boves. Initiativen, die sich von Zeit zu Zeit im Geiste der Suche nach Vergebung und Versöhnung verstärkten und auch durch einen Austausch von herzlichen Briefen zwischen Hermann und dem Bürgermeister von Boves, Maurizio Paoletti, im Namen ihrer jeweiligen Mitbürger besiegelt wurden. Bis zum Abschluss eines Freundschaftspaktes zwischen den beiden Städten, der am 19. September 2015 während der jährlichen Feier des Massakers in der piemontesischen Stadt offiziell gemacht wurde.

«Einer der meist berührenden Momente dieser Zeremonie – erinnert sich Helga Gall, die für die Städtepartnerschaft in Schondorf zuständige Stadträtin, berührt – war, als der letzte noch lebende Partisan von Boves, Natalino Macario, auf Bürgermeister Herrmann zukam, um ihm die Hand zu schütteln und ihn einzuladen, jedes Jahr wiederzukommen ».

Und auch die Vertreter aus Schondorf kamen wieder, die Städtepartnerschaft selbst wurde von beiden Gemeinderäten formell beschlossen.

Il gemellaggio Boves Schondorf © Paoletti

Il gemellaggio Boves Schondorf © Paoletti

Der jüngste Besuch der Bayern war ein weiterer bedeutender Moment in dieser wachsenden Freundschaft. Wie es inzwischen Tradition ist, wieder am Jahrestag des Massakers, dem 19. September letzten Jahres: «Bei dieser Gelegenheit – erinnert sich Bürgermeister Paoletti – haben wir dem Bürgermeister Herrmann und seinem ehemaligen Stellvertreter, Kurt Bergmaier, einem weiteren der Hauptförderer der Freundschaft, die Ehrenbürgerschaft von Boves verliehen. Und auf dem Kinderspielplatz, einem Garten, der bezeichnenderweise nach Claus von Stauffenberg, dem deutschen Offizier, der der wesentliche Urheber des gescheiterten Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 war, benannt ist, pflanzten die beiden Delegationen den “Baum der Versöhnung“.

Wir haben uns vom Maibaum inspirieren lassen – setz Paoletti fort – der Baum hat die Farben von Bayern, weiß und blau, und die des Piemont, weiß und rot. In der Symbolik wird das Rot aus dem Blut in der Erde geboren, nicht nur das der Deutschen und Italieners, sondern auch der Gefallenen so vieler Nationen, die wir während des Befreiungskrieges hatten, wie Amerikaner, Engländer, Franzosen und dann steigt es zum Himmel auf und das Blut wird blau, wie der Sauerstoff im Himmel und gipfelt in der Friedenstaube».

Für Schondorf ist das mit Boves die erste Städtepartnerschaft, während es für die piemontesische Stadt mit dem italienischen Castello di Godego (Veneto) und dem französischen Mauguio, in Okzitanien die dritte ist.

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