Henry Holiday, Dante incontra Beatrice al ponte Santa Trinita, 1883
Henry Holiday, Dante incontra Beatrice al ponte Santa Trinita, 1883
Dantedì © Governo.it

Dantedì © Governo.it

Es begann am Nachmittag des 25. März. Über die sozialen Medien flackerten Überschriften von Leitmedien wie Repubblica und Il Messaggero „L’incredibile attacco della Germania“ (Der unglaubliche Angriff Deutschlands). Verdutzt blickte ich von meiner Arbeit auf. Was um Himmels willen war nur passiert?

Zum zweiten Mal wurde nun am Tag der Verkündigung Marias und des Florentiner Neujahrs der „Dantedì“ begangen. Stiefelauf und -ab feierte man den italienischen Nationaldichter, dessen Tod sich heuer zudem zum 700. Mal jährt. Nachdem die Florentiner den Dichter verbannt hatten – a posteriori doch eine ziemlich peinliche Fehlentscheidung – hatte dessen Ableben leider in Ravenna stattgefunden und die Ravennaten verteidigten durch alle Jahrhunderte, gegen Medici-Päpste und deutsche Barbaren, Dantes sterbliche Überreste mit Klauen und Zähnen (letzteres sei auf die Ravennaten bezogen). Seit Tagen drückten deshalb hierzulande, in den rolling hills der Toskana, die Vorboten dutzender Online-Veranstaltungen wie Lesungen, Zoom-Seminare und Videos sogar das mediale Dauerfeuer Corona sanft ein wenig zur Seite.

Menabrea Dante Alighieri

Menabrea Dante Alighieri

An diesem besagten Donnerstag vibrierte also alles ehrfürchtig und weihevoll, bereit dem Höchsten, Besten und beinahe Einzigen gebührend zu huldigen. Selbst die Bielleser Biermarke Menabrea hatte ein Dante-Etikett kreiert, wobei es egal war, ob die Zielgruppe des Produkts mit dem beschworenen Flaschengeist kompatibel war. Es gab sie eben doch, die wahren Werte jenseits der Marktraison. Frei nach Goethe zog die „Corona d’Italia“ (Dante, Petrarca und Boccaccio werden als die „drei Kronen Italiens“ bezeichnet) alles hinan.

Aber zurück zu besagtem Nachmittag. Ein arrivierter Journalist, Mitbegründer der Taz sowie Übersetzer intellektueller Größen wie Eco und Malaparte namens Arno – vielleicht ein Menetekel? – Widmann hatte in der Frankfurter Rundschau anlässlich des Festtags einen Artikel über Dante verfasst. Darin entwarf er ein launiges Panorama von der Entstehung der italienischen Sprache und der “Komödie” bis zu Dantes religiösem Sendungsbewusstsein und ausladendem Ego. Um es kurz zu machen: es ist einigermaßen risikobehaftet, Artikel mit begrenzter Zeichenzahl für Leser mit begrenztem Wissen über eine fremdländische Ikone zu schreiben. Zumal wenn sie Dante heißt.

Frankfurter Rundschau

Frankfurter Rundschau

Man sollte gewärtig sein, dass der große Toskaner zumindest seit dem 19. Jahrhundert und der Einigung Italiens ein Politikum ist. Prompt tönte es umgehend von der Repubblica über den Messaggero und diversen regionalen Blättern bis hin zu Giorgia Meloni aus der rechten Ecke (FdI), „die Deutschen“ würden Dante als „Arrivisten“ zeichnen und die „Komödie“ als „Plagiat“. Danach gab es im Netz kein Halten mehr, die Memes und Kommentare steigerten sich minütlich, von diversen Toren bei Fußball-Weltmeisterschaften bis hin zu Verweisen aufs Römische Reich. So wie sich der Nachmittag entwickelte, rechnete ich bereits damit, dass man als nächstes den Botschafter einbestellte. Ich suchte Widmanns Artikel und las ihn – und dann noch einmal. Allerdings fand ich wenig von dem Skandalösen, das ihm vorgeworfen wurde, sondern durchaus Respekt und Achtung vor des Dichters Leistung.

Dante Alighieri - Sandro Botticelli 1495

Dante Alighieri – Sandro Botticelli 1495

Doch wenn das gegenseitige Missverstehen einmal los galoppiert ist, fängt man es schwer wieder ein. Eine gewisse disruptive Schnoddrigkeit seitens der Germanen wird jenseits der Alpen umgehend als neidbasierte Geschichtsvergessenheit ausgelegt. Auf der anderen Seite zementiert der fixe italische Blick zurück auf heroische Zeiten gerne alte Muster, wobei eine kritische Würdigung nicht selten auf der Strecke bleibt. Man erinnere sich, wie Ugo Foscolo im Gedicht „Die Gräber“ Napoleon kritisierte, der den Italienern die Meditation über die Tugenden ihrer Ahnen nähme, indem er die Friedhöfe aus den Innenstädten verbannte. Kritik an der glorreichen Vergangenheit erschüttert die Italiener jedes Mal aufs Neue bis ins Mark.

Il twitt di Franceschini

Il twitt di Franceschini

Der Fall „Dantedì“ offenbarte allerdings auch die verschiedenen Exitstrategien aus dem Dilemma. Am intelligentesten reagierte Italiens Kulturminister Dario Franceschini mit einem lapidaren Dante-Zitat via Twitter: „Reden wir nicht von ihnen, schau und geh vorüber“ (Inferno III, 51). Dem italienischen Schriftsteller-Ehepaar Monaldi und Sorti kam die unfreiwillige Vorlage Widmanns gerade recht, um ihr eben erschienenes Buch über Dante und Shakespeare zu promoten. Den gezieltesten Schlag führte jedoch der deutsche Direktor der Uffizien Eike Schmidt unter die Gürtellinie seines Landsmanns, als er ihm eine „polemische Ader“ und vermeintliche Nähe zu „Verschwörungstheorien“ unterstellte ().

Aber immerhin hat Widmanns Artikel erreicht, dass der Florentiner Dichter an seinem Ehrentag in aller Munde war und das ist nach 700 Jahren schon nicht schlecht. Wer weiß, vielleicht hat der eine oder die andere sogar Lust bekommen, in der „Komödie“ zu schmökern und sich selbst ein Bild zu machen, ob T.S. Eliot Recht hatte, wenn er behauptete, Dante sei leicht zu lesen?

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