Es ist einer der deutschen Widersprüche. Man preist die Entscheidung von Marlene Dietrich, Stefan Heym, Willy Brandt und Thomas Mann, findet ihr Verhalten aber im Grunde des Herzens ungehörig. Man gibt es nicht zu, vielleicht nicht einmal vor sich selbst, aber man ist überzeugt, sie hätten in Deutschland bleiben und sich dem Regime entgegenstellen müssen. Mit Logik ist solcher Einstellung nicht beizukommen. Und Außenstehende stolpern immer wieder darüber.

Die Deutschen akzeptieren die Lektionen über die Vergangenheit, sie sind sogar bereit, einen Gast zurechtzuweisen, der versöhnlich sein möchte: Nein, es ist wirklich in keinem anderen Land etwas Vergleichbares geschehen, erklären sie traurig und schämen sich. In weniger als einem Monat haben dreieinhalb Millionen Menschen Schindlers Liste gesehen, und die wenigen Kritiker (»Indiana Jones in Auschwitz«) wurden als der Reaktion verdächtig abgestempelt.

Wir haben die Überprüfung unserer Vergangenheit mit einem einfachen Achselzucken erledigt. Ein Dokumentarfilm im Fernsehen mit einem Kommentar, der weniger ernsthaft war als ein Schlager, das war’s. In Deutschland läuft die 1986 von dem Historiker Ernst Nolte in die Wege geleitete Diskussion über die »Vergangenheit, die nicht vergeht« noch immer, mühsam und gequält.

Der Professor, der (wegen einer Mißbildung an einer Hand) keinen Militärdienst geleistet hat, erzählte mir von seinen Kriegsjahren, als er als einziger Student unter vielen Kommilitoninnen in Heidelberg bei einem Lehrer namens Heidegger Philosophie studierte. Seine These (die diskutabel, aber nicht so plump ist, wie seine Gegner behaupten): Hitler war nicht der einzige und auch nicht der erste; der Nationalsozialismus ist als Reaktion auf den Bolschewismus entstanden.

Es ist eine Relativierung, keine Absolution. Aber in Deutschland rea­gierte man schroff. Nachdem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel von ihm erschienen war, nahm das Verlagshaus, mit dem er bereits einen Vertrag über ein Buch abgeschlossen hatte, von einer Ver­öffentlichung Abstand. Sechs weitere Verlage lehnten es ab, bis es dann doch in den Buchhandel gelangte. »Die italienischen Kollegen«, sagte Nolte zu mir, »behandeln mich, auch wenn sie nicht mit mir einverstanden sind, korrekt, wie es in Deutschland sehr selten der Fall ist.«

Geht es in Gesprächen um die Vergangenheit, dann schweigen die Deutschen, oder sie werden unbeherrscht und versuchen, ihr Gegenüber davon zu überzeugen, daß sie anders sind als die anderen. Am 9. November 1988, damals nur der Jahrestag der »Reichskristallnacht«, als noch niemand ahnte, daß ein Jahr später, ebenfalls an diesem Tag, die Mauer fallen würde, gedachte Bundestagspräsident Jenninger der Ereignisse mit einer schönen Rede, die er schlecht las.

mm

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