L'Ambasciatore Mattiolo © Paolo Guizzardi
L'Ambasciatore Mattiolo © Paolo Guizzardi
L'Ambasciatore Mattiolo © Paolo Guizzardi

L’Ambasciatore Mattiolo © Paolo Guizzardi

Nach seiner offiziellen Ernennung durch den italienischen Ministerrat Ende Oktober 2018 und der Akkreditierung durch die Bundesregierung hat der Römer Luigi Mattiolo, 61 Jahre alt, Ende November letzten Jahres sein Amt als Botschafter der Republik Italien in Berlin angetreten. 1980 schloss er sein Studium der Politikwissenschaft an der Universität „La Sapienza“ in Rom ab und begann im folgenden Jahr seine diplomatische Laufbahn in der Abteilung Migration und Soziale Angelegenheiten des italienischen Außenministeriums (Farnesina). Von 1982 an war er Zweiter Botschaftssekretär an der italienischen Botschaft in Moskau, 1986 wurde er zum Ersten Botschaftssekretär der italienischen Botschaft in Bern ernannt. Dieselbe Position wurde ihm 1988 in Belgrad anvertraut, bevor er dort 1991 zum Botschaftsrat ernannt wurde. 1992 kehrte er nach Rom in die Personalabteilung der Farnesina zurück. Im Jahr darauf wurde er beurlaubt und in den diplomatischen Stab des Ministerpräsidenten abgeordnet. Von 1995 bis 1997 blieb er beurlaubt, um seinen Dienst im Sekretariat des Rates der Europäischen Union in Brüssel zu leisten. Im selben Jahr wurde er zum Botschaftsrat in der Ständigen Vertretung Italiens bei der Europäischen Union in Brüssel ernannt. Ab 1999 bekleidete er am selben Dienstort das Amt des Ersten Botschaftsrates, das er bis 2001 innehatte. Im Juli desselben Jahres wurde er nach New York versetzt, wo er zum ersten Botschaftsrat der Ständigen Vertretung bei den Vereinten Nationen ernannt wurde. 2004 kehrte er nach seiner Ernennung zum bevollmächtigten Gesandten an die Farnesina zurück und leistete seinen Dienst in der Abteilung Europäische Integration als europäischer Korrespondent und Koordinator der Aktivitäten in der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Von 2005 bis 2008 war er Gesandter an der Ständigen Vertretung beim Nordatlantikrat in Brüssel; im September 2008 wurde er zum Botschafter der Republik Italien in Tel Aviv ernannt. 2012 kehrte er als Abteilungsleiter für die Europäische Union ins Außenministerium zurück. Von 2015 bis 2018 war er italienischer Botschafter in der Türkei.

Wir vom „Il Deutsch-Italia“ haben Luigi Mattiolo getroffen und ihm einige Fragen gestellt.

Momenti dell'intervista all'Ambasciatore

Momenti dell’intervista all’Ambasciatore

Herr Botschafter, von der Türkei nach Deutschland, das ist bestimmt eine große Umstellung.
Sicher, es ist eine beträchtliche Umstellung, unter allen Gesichtspunkten, besonders was das Klima angeht (lächelt). Zwei Länder mit unterschiedlicher Vergangenheit, die jedoch bis heute sehr eng miteinander verbunden sind. Während meiner Tätigkeit dort habe ich mehr als einmal das entschlossene Verhalten, manchmal auch den Pragmatismus Deutschlands gegenüber der Türkei bewundert. Es gibt jedoch auch Gemeinsamkeiten, besonders was den Inhalt der gesellschaftlichen und politischen Debatten betrifft. Hier wie dort stehen europäische Themen im Mittelpunkt der Diskussion. Natürlich unterscheiden sich die Perspektiven der beiden Länder, von denen eines die treibende Kraft in Europa ist und das andere in Teilen dazugehören möchte. Dann gibt es noch die Einwanderungsthematik: die Herausforderung durch Migrationsbewegungen, die von Konflikten, Krisen oder einfach der Suche nach einer besseren Zukunft ausgelöst werden. Das sind Fragen, die sich an Europas Außengrenzen stellen. Oder besser gesagt, im Falle der Türkei direkt vor Europas Außengrenzen, und im Falle Deutschlands im Herzen des Kontinents.

Wie möchten Sie Ihr Mandat gestalten?
Die Beziehungen zwischen Italien und Deutschland sind von solcher Dichte, Tragweite und Fülle, dass sie einerseits eine unerschöpfliche Quelle an Möglichkeiten für einen Diplomaten darstellen, andererseits aber auch viel Respekt einflößen, denn es ist nicht einfach, Einfluss auf eine so gefestigte, starke Bindung zu nehmen. Mein Ziel ist es, dieses Verhältnis so gut wie möglich zu erhalten und weiterzuentwickeln. Deutschland ist für Italien der weltweit wichtigste Handelspartner, außerdem lebt hier die zweitgrößte Gemeinschaft von Auslandsitalienern. Beide Länder sind daher durch eine sehr ausgeprägte Wertschöpfungskette verbunden. Auf unternehmerischer Ebene sitzen Italien und Deutschland im selben Boot. Das habe ich „entdeckt“, als ich vor meiner offiziellen Ernennung das Jahrestreffen von Confindustria und BDI in Bozen besucht und verstanden habe, dass die Bestrebungen beider Länder sich sehr ähneln. Man bemüht sich beispielsweise um Innovation, um Wettbewerbsfähigkeit auf den Märkten, um die Ausbildung und Erziehung junger Menschen. Man kämpft dafür, dass der Multilateralismus weiterhin ein Leuchtturm bleibt, wenn es um die Regeln des Welthandels geht, und dass wir Europäer bei der Digitalisierung und der Verwaltung riesiger Datenmassen nicht marginalisiert neben anderen großen internationalen Akteuren stehen. Mein Auftrag ist es, diese Phänomene zu verstehen und bei ihrer Ergründung und Interpretation die jeweils andere Sichtweise zu vermitteln, die italienische in Deutschland und die deutsche in Italien. Auch Themen wie die Rolle der technologischen Innovation und der Kreativen, die hier in Berlin besonders vertreten sind, gehören in meinen Arbeitsbereich. Und schließlich gibt es die kulturellen Beziehungen, hier steht in diesem Jahr Matera als Europäische Kulturhauptstadt an erster Stelle. Viele deutsche Künstler und Kreative sind dorthin gezogen. Auf Deutschland übt Matera eine besonders starke Anziehungskraft aus, das ist nicht überall in Europa gleich. Die Besonderheit der deutsch-italienischen Beziehungen im europäischen Rahmen wurde von Präsident Mattarella und seinem Amtskollegen Steinmeier beim jüngsten Berlin-Besuch des italienischen Staatsoberhauptes Mitte Januar hervorgehoben.

Ein weiterer Aspekt, den ich ausbauen möchte, ist der interparlamentarische Dialog, der zwei Vorteile hat. Erstens ist er aufrichtiger, in vieler Hinsicht offener und weniger reglementiert als der Dialog zwischen zwei Regierungen, bei dem jedes Wort als feste Verpflichtung gilt und man oft Vorsicht walten lassen muss. Zweitens spiegeln die Parlamente per definitionem das ganze Land wider. Daher sind hier die unterschiedlichen Befindlichkeiten der Gesellschaft vertreten. Ein wirksames Mittel, um sich gut kennenzulernen und Stereotypen zu überwinden.

L'Ambasciatore Mattiolo © Paolo Guizzardi

L’Ambasciatore Mattiolo © Paolo Guizzardi

Sie meinen eine Beziehung, wie sie zwischen Deutschland und Frankreich in Aachen vereinbart wurde?
Ich habe keine konkreten Vorbilder im Kopf. Es ist Aufgabe der Parlamentarier, darüber nachzudenken. Auf jeden Fall möchte ich die Parlamentariergruppen beider Länder wiederaufleben lassen. Vor einigen Tagen war eine parlamentarische Delegation aus Italien hier, die sowohl die Regierung als auch die Opposition repräsentierte. Auf Initiative der Konrad-Adenauer-Stiftung fand eine Reihe von gewinnbringenden Treffen mit dem Auswärtigen Ausschuss und dem Verteidigungsausschuss des Bundestages statt. Das sollten wir wiederholen, vielleicht mit einem Gegenbesuch. Es gibt auch den etwas größeren Rahmen, wie die Treffen der Präsidenten der Parlamentarischen Versammlung der Europäischen Union. Dann gibt es die Zusammenarbeit auf zivilgesellschaftlicher Ebene, etwa zwischen Thinktanks wie z. B. IAI, ISPI und ASPEN in Italien oder der DGAP in Deutschland. Die Organisation eines Austauschs zwischen den Zivilgesellschaften hilft, uns besser kennenzulernen.

Apropos Europa: Was können Italien und Deutschland Ihrer Ansicht nach in der aktuellen Krise tun, um den europäischen Geist zu stärken?
Meiner Meinung nach wird schon viel dafür getan. Wann immer sich herausstellt, dass bestimmte Probleme nicht nur einige EU-Mitglieder, sondern alle betreffen, habe ich das Gefühl, dass Italien und Deutschland zu den ersten gehören, die ein Bewusstsein dafür entwickeln und die Tragweite erfassen. Das drängendste Beispiel ist die Migrationsthematik. Als Deutschland 2015 großzügig die Grenzen für Flüchtlinge aus Syrien öffnete, was ich damals direkt miterlebte, wurde ein leistungsstarker Kommunikationskanal aufgebaut. Mit Deutschland war es etwas einfacher, daran zu arbeiten, dass Einwanderung als europäisches Problem begriffen wird und die nötige Lastenverteilung stattfindet, als mit anderen Ländern. Alle Mitgliedsstaaten müssen das Problem als ihr eigenes ansehen und aufhören, so zu tun, als beträfe es nur diejenigen, die zufällig an den Grenzen des gemeinsamen Territoriums liegen. Es ist kein Zufall, dass Deutschland und Italien heute der erste bzw. zweite Geldgeber des Trust fund für Afrika sind. Das entspricht den ein oder zwei Leitlinien, auf deren Basis wir eine europäische Migrationspolitik entwickeln möchten: nämlich der finanziellen und technischen Hilfe für die Herkunfts- und Transitländer. So sollen Bedingungen geschaffen werden, die zum Bleiben ermutigen oder von einer oft sogar tödlich endenden Reise abhalten.

Momenti dell'intervista all'Ambasciatore

Momenti dell’intervista all’Ambasciatore

Wir vertreten hier dieselbe Position, wie auch beim Kampf gegen Menschenhändler, die riesige Summen aus schrecklichen Verbrechen schöpfen. Dieses Geld wird wiederum in für uns äußerst bedrohliche Dinge investiert: Drogen, Waffen oder sogar Terrorismus. Wir arbeiten noch in andere Richtungen: etwa an der allseits bekannten „Dublin-Reform“ und vor allem am Bewusstsein, dass Wirtschaftsmigranten einer ganz anderen Kategorie angehören als Asylsuchende oder Asylberechtigte. Ihre Merkmale und zahlenmäßige Dimension können nicht im Rahmen des Dublin-Vertrags abgehandelt werden. Noch haben wir keine gemeinsame Position, aber die Bereitschaft ist da, wie die Lösung im Fall der „Sea Watch 3″ zeigt. In humanitären Notlagen gehören Deutschland und Italien zu den wenigen Ländern, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch in anderen Bereichen viel tun können, um das Bewusstsein zu stärken, dass es sich nicht nur um Probleme einiger weniger Länder, sondern um europäische Probleme handelt, etwa beim klassischen Thema der Eurozone. Mein Ziel ist, dass es eines Tages in Europa, besonders in Deutschland und Italien, volles Bewusstsein dafür gibt, dass steuerliche und soziale Stabilität nicht zwei unterschiedliche Problemfelder sind, sondern zusammengehören. Man kann sie in Einklang bringen. Es liegt noch Arbeit vor uns, aber das ist die Marschrichtung.

Sind Sie diesbezüglich optimistisch?
Ich glaube, dass sich am Ende die Realität durchsetzen wird und wir das, was wir jetzt noch nicht erkennen, zukünftig klar sehen. Wenn alle verstanden haben, dass es sich um ein europäisches und nicht rein italienisches Problem handelt, wird offensichtlich sein, dass diese beiden Aspekte in Einklang gebracht werden müssen.

L'Ambasciata d'Italia a Berlino © il Deutsch-Italia

L’Ambasciata d’Italia a Berlino © il Deutsch-Italia

Da wir gerade beim Thema Migration sind: Weiterhin wandern viele unserer italienischen Landsleute nach Deutschland aus. Unterm Strich ist ihre Integration eine Erfolgsgeschichte. Was würden Sie den Neuankömmlingen empfehlen?
Ich teile die Auffassung, dass die italienische Einwanderung unterschiedliche Schritte und Veränderungen durchlaufen hat, und zwar in einem durchaus zukunftsweisenden, positiven Sinn. Natürlich nicht immer und nicht für alle so tiefgreifend und so schnell, wie wir es uns gewünscht hätten. Meine Amtszeit beginnt sicherlich in einer Phase, in der sich die Frage nach der Integration der italienischen Gemeinschaft anders oder viel weniger stellt als bei meinen Vorgängern. Das bedeutet nicht, dass es innerhalb dieser Gemeinschaft keine benachteiligten Gruppen gäbe.

Ich möchte mich gern auf die jungen Menschen konzentrieren, vor allem auf diejenigen, die noch zur Schule gehen, auf die zweite bzw. dritte Generation der hier Geborenen oder diejenigen, die ihren Eltern folgen, um eine bessere Zukunft und berufliche Perspektiven zu finden. Sie stoßen in Deutschland auf die Schwierigkeiten eines Bildungssystems, das schon sehr früh selektiert. Deshalb müssen wir uns um diese jungen Menschen kümmern. Sie, falls sie bereits hier leben, von Kindesbeinen an darauf vorbereiten oder sie gut für den Start rüsten, falls sie erst als Heranwachsende hierherkommen. Wir müssen an ihren Sprachkenntnissen arbeiten, der Grundlage für eine Zukunft und Integration, die ihren Fähigkeiten entspricht. Sprachbarrieren könnten ein Hemmnis sein. Ansonsten habe ich gar nicht viele Ratschläge für die Italienerinnen und Italiener, die schon länger hier leben, da sie Deutschland besser kennen als ich. Ich kann sie vor allem dazu ermutigen, sich nicht so sehr als Italiener in Deutschland, sondern vielmehr als Europäer in Europa zu fühlen.

Eine letzte Frage: Welches ist Ihr deutsches und welches Ihr italienisches Lieblingsgericht?
Mein deutsches Lieblingsgericht ist Schweinshaxe, das italienische Pasta alla Carbonara. Beides recht anspruchsvolle Gerichte, sowohl was die Zubereitung als auch die Verdauung angeht (lächelt).

Herr Botschafter, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Volwo und Luca Gemma im Konzert in München

Vorheriger Artikel

Das könnte dir auch gefallen

Kommentare

Einen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.