Karlheinz Weissmann © Junge Freiheit
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Karlheinz Weissmann © Youtube Bibliothek des Konservatismus

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Herr Dr. Weissmann, Sie gelten als einer der prominentesten konservativen Intellektuellen Deutschlands. In Vergleich zu anderen Ländern, zum Beispiel Italien, ist es in Deutschland schwieriger sich als Konservativer zu positionieren. Welche sind die Ursprünge dieser Schwierigkeit? Spielt die Umerziehung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle dafür?
Die Umerziehung spielt sicher eine gewisse Rolle. Aber sie entfaltete ihre Wirkung verzögert. Man darf jedenfalls nicht übersehen, daß es bis in die 1970er Jahre eine konservative oder nationalliberale Intelligenz gab, die selbstverständlich an der öffentlichen Diskussion beteiligt war. Ein populärer Autor wie Joachim Fernau, ein Journalist wie Winfried Martini, ein Soziologe wie Arnold Gehlen oder ein Theologe wie Helmut Thielicke haben Bestseller geschrieben und nahmen an den großen Debatten der Bundesrepublik teil. Aber die linke Kulturrevolution hat diese Art von Pluralismus erledigt, und wenn Jürgen Habermas sich einmal selbst als Produkt der Reeducation bezeichnet hat, dann war das nur halb ironisch gemeint. Im übrigens gab es vergleichbare Entwicklungen in allen westlichen Ländern. Ein „Rechter“ zu sein, war lange Zeit weder in Europa noch in Nordamerika ein Vergnügen, sehen sie sich nur die Vita eines Roger Scruton an, aber die Deutschen haben sicher eine besondere Neigung zur Konsequenz. Bei uns wurden Ausgrenzung und Verfemung mit letzter Konsequenz umgesetzt.

Bundestag © il Deutsch-Italia

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Die Deutschen werden heute als ein Volk mit einer schwachen Identität wahrgenommen. Welche sind die Konsequenzen des Identitätsverlusts der Deutschen?
Die Schwäche unserer Identität ist nicht neu. Keine Einwanderergruppe hat in den USA ihre Identität so schnell aufgegeben wie die deutsche. Viele Männer deutscher Herkunft wurden glühende polnische Nationalisten, französische Revanchisten oder italienische Irredentisten. Es gibt wahrscheinlich keine andere Nation, deren Gebildete sich so oft so verächtlich über ihr eigenes Herkommen geäußert haben. Der Stolz der Elite auf die Größe des Imperiums während der Stauferzeit, das Nationalbewußtsein, wie es während der Reformation oder der Befreiungskriege zum Ausdruck kam, der Reichspatriotismus nach 1871 wie der nationale Trotz nach der Niederlage von 1918 waren eher Ausnahmephasen unserer Geschichte. Die ist gekennzeichnet von vielen Zusammenbrüchen nach großen Aufschwüngen, und das ist natürlich nicht ohne Folgen für unser Seelenleben geblieben. Zu betonen bleibt allerdings, daß man die Schwäche unserer Identität nicht unmittelbar auf den Zusammenbruch von 1945 zurückführen kann. Sie mögen das an zwei Indizien ablesen: der Entschlossenheit, mit der die Kommunisten und mithin die DDR die „nationale Karte“ spielten, weil sie nichts mehr fürchteten als den Vorwurf, Büttel der Sieger zu sein, und die andauernde Sorge der westlichen Besatzungsmächte, daß es zu einem Wiedervereinigungsnationalismus – vielleicht unter linken Vorzeichen – kommen werde, der die Einbindung der Bundesrepublik unmöglich machen könnte. Entspannt hat man sich erst, als klar wurde, daß die Deutschen die Teilung hinnahmen. Aber ganz zur Ruhe gekommen sind wir nicht. Die Friedensbewegung hatte einen durchaus nationalen Ton, die Wiedervereinigung war selbstverständlich auch Ausdruck der Tatsache, daß das Vaterlandsgefühl nicht ganz erloschen war. Damals äußerte die tonangebende Linke die Sorge, daß sie in ihrer intellektuellen Vorherrschaft von den „Normalisierungsnationalisten“ abgelöst werden könnte. Aber dazu ist es nicht gekommen. Bedauerlicher Weise, muß man sagen. Denn jetzt wird sogar von außen verlangt, daß die Deutschen endlich „normal“ werden, ihre Aufgabe als Mittelmacht akzeptieren und aufhören, sich mit ihrer Vergangenheit herauszureden, wenn es darum geht, internationale Verantwortung zu übernehmen. Aber das ist eben sehr schwer, wenn jemandem so gründlich jeder Kollektivstolz und jede realistische Vorstellung von Politik ausgetrieben wurde.

Sie beziehen sich mit dem Stichwort „Normalisierungsnationalisten“ auf die Forderung nach einer „selbstbewußten Nation“, wie sie eine Gruppe konservativer Intellektueller, der sie angehörten, in den 1990er Jahren erhoben hat?
Das war eine Formel, die auf Heimo Schwilk und den unlängst verstorbenen Ulrich Schacht zurückging. Für den unter dem Titel „Die selbstbewußte Nation“ herausgegebenen Sammelband habe ich damals einen Beitrag geschrieben. Aber das eigentlich bemerkenswerte an dem Projekt war, daß die Forderung nach einer „selbstbewußten Nation“ von so vielen – durchaus auch Linken und Liberalen – mitgetragen wurde, die sich an dem Buch beteiligt haben. Es sind immerhin drei Auflagen erschienen. Trotzdem war die Wirkung insgesamt gering.

Worauf führen Sie das zurück?
Ein Problem war der fehlende Zusammenhalt unter letztlich doch sehr verschiedenen Denkern, die sich da plötzlich als Speerspitze einer „Neuen Rechten“ apostrophiert sahen, ein anderes die Feigheit der Bürgerlichen. Wir betrachteten uns damals als natürliche Alliierte der Unionsparteien und der FDP. Wir waren überzeugt, daß sie sich aus wohlerwogenem Eigeninteresse von ihren Fixierungen der Nachkriegszeit lösen und den neuen Herausforderungen stellen würden. Ich meine vor allem das Ende der Blockkonfrontation, die Einsicht, daß kein „Ende der Geschichte“ stattfinden würde, den Aufstieg des Islamismus oder die durch China ausgelösten geopolitischen Veränderungen.

Und wieso fanden Sie und Ihre Gesinnungsfreunde für ein solches Programm keine Unterstützung?
Die Hauptursache sehe ich in der Angst der Bürgerlichen vor jeder Beschäftigung mit grundsätzlichen Fragen. Sie sind Opportunisten und hatten in der Nachkriegszeit die Erfahrung gemacht, daß Opportunismus sich auszahlt. Daher rührte ihr Vorbehalt gegenüber Intellektuellen und Ideologie. An sich nicht unsympathisch, aber in Zeiten des Umbruchs heißt das eben auch, daß man keinen Kompaß hat, um das Ziel der Fahrt zu bestimmen. Dagegen wußte die Linke sehr wohl, was sie wollte: Vergessen machen, welche Rolle sie bei der Verharmlosung des linken Totalitarismus und der Aufrechterhaltung der deutschen Teilung gespielt hatte, vergessen machen, welche Verantwortung ihr für die politische Formschwäche Deutschlands zukam. Die kulturelle Hegemonie, die sie nach ihrem Sieg im sogenannten „Historikerstreit“ von 1986ff gewonnen hatte, wollte sie keinesfalls aufgeben und ging entschlossen daran, die Regeln der Debatte neu zu definieren.

Hans-Ulrich Wehler © CC BY-SA 2.0 Das blaue Sofa Club Bertelsmann Flickr

Hans-Ulrich Wehler © CC BY-SA 2.0 Das blaue Sofa Club Bertelsmann Flickr

Warum meinen Sie, daß der „Historikerstreit“ eine so große Rolle spielt?
Nur nebenbei ging es dabei um die Frage der „Vergleichbarkeit“ der roten wie der braunen Massenverbrechen. Im Kern wollten die Wortführer – neben Habermas noch sein Freund, der Historiker Hans-Ulrich Wehler – eine bestimmte Deutung der deutschen Geschichte zementieren und daraus den Anspruch auf ein dauerndes linkes Kuratel ableiten. Im Kern geht es um den sogenannten „Sonderweg“, den Deutschland auf Grund seiner Modernisierungsdefizite eingeschlagen habe, wahlweise seit Luther oder der Aufklärung oder der Reichsgründung oder dem Wilhelminismus. Diese Modernisierungsdefizite kamen angeblich in einer spezifischen autoritären Tradition zum Ausdruck, die mehr oder weniger zwingend in Auschwitz mündete. Es ist hier nicht der Ort, um den Unsinn dieser Interpretation oder die unsauberen Quellen, aus denen sie sich speist, aufzuzeigen. Aber sie spielt seit den 1960er Jahren eine ausschlaggebende Rolle für das Selbstverständnis unserer Intelligenz, die mit der Kontrolle des Geschichtsbildes eben auch die Gegenwart kontrollieren will, weil sie alle möglichen moralischen oder pädagogischen Postulate aus dieser Sicht auf die Vergangenheit ableitet. Wir haben einen Bundespräsidenten, der von der „ewigen Schuld“ der Deutschen spricht, wir haben einen Außenminister, der erklärt, daß die Scham über Auschwitz ihn bewogen habe, Politiker zu werden, wir haben Verantwortliche, die glauben, daß die von Deutschen vergangenen Verbrechen uns zwingen, jeden aufzunehmen, der herkommen möchte, wir haben Kommentatoren, die jeder Reparations- oder Restitutionsforderung schon aus Prinzip zustimmen, weil sie sich gar nicht vorstellen können, daß sie gegen Deutschland zu Unrecht erhoben wird.

Müssen Sie sich Sorgen machen, wenn Sie so etwas sagen?
Nun, ich glaube, niemand der mich kennt, wird durch diese Stellungnahme überrascht sein: weder Freund noch Feind. Seit ich mich politisch äußere, habe ich immer wieder die Auffassung vorgetragen, daß die Vergangenheitsbewältigung sich fatal auswirkt: auf die kollektive Verfassung genauso wie auf die Fähigkeit, den Staat zu lenken. Das reizt die Hüter der Politischen Korrektheit natürlich, und sie sorgen dafür, daß sich das, was ich sage, möglichst nicht verbreitet. Sie werden keines meiner Bücher in einer deutschen Buchhandlung ausgelegt finden. Keine große Zeitung oder Zeitschrift bespricht sie. Selbstverständlich werde ich weder zu Debatten noch zu Vorträgen der großen Institutionen eingeladen. Ähnliche Phänomene gibt es selbstverständlich in allen westlichen Ländern. Aber auch hier gilt das eingangs gesagte: was wir in Deutschland tun, tun wir mit letzter Konsequenz, auch wenn es um indirekte Zensur und Beschränkung der Meinungsfreiheit geht.

Bundesarchiv © Friedrich Gahlbeck CC-BY-SA-3.0

Bundesarchiv © Friedrich Gahlbeck CC-BY-SA-3.0Doch relevante Teile der Bevoelkerung in den neuen Bundeslaender zeigen einen sehr beschraenkten wenn nicht sogar keinen Vertrauen fuer Politiker und Mediengewaltige. Wie erklären Sie sich d

Doch relevante Teile der Bevoelkerung in den neuen Bundeslaender zeigen einen sehr beschraenkten wenn nicht sogar keinen Vertrauen fuer Politiker und Mediengewaltige. Wie erklären Sie sich das?
Ein Grund ist, daß es auf dem Gebiet der DDR kein „`68“ gegeben hat, ein anderer, daß der Prozeß der westernization entweder gar nicht oder nur verspätet und verzögert griff. In Folge dessen sind die neuen Bundesländer in vielem „deutscher“ geblieben als die alten, und das, was man ihren Einwohnern als „Buntheit“ anbietet, erscheint ihnen wenig verlockend. Hinzu kommt die Lebendigkeit der Diktaturerfahrung. Man hat dort eine sehr genaue Wahrnehmung für die Mechanismen, mit denen Menschen eingeschüchtert und verbogen werden und wie die Mächtigen ihrer Sicht der Dinge selbst dann noch durchsetzen, wenn die mit der Wirklichkeit offenbar nichts zu tun haben.

Also kein Demokratiedefizit?
Eher ein Demokratieüberschuß und eine gewisse Widerborstigkeit gegenüber der Obrigkeit und ein ausgeprägter Freiheitssinn, für den es auch eine deutsche, rebellische Tradition gibt.

Glauben Sie, daß sich das bei den kommenden Wahlen in Thüringen, wie die in Bandenburg und Sachsen auswirken wird?
Selbstverständlich. Die Prognosen sind doch eindeutig. Die „Westparteien“ werden abgestraft. Sie haben ihre Chance verpaßt, sich dort tatsächlich zu verankern.

Wie erklaeren Sie sich den Konsensusverlust der fuer die Union und die SPD bei den letzten Wahlen in Brandeburg, Sachsen und Thueringen?
Die „Westparteien“ sind abgestraft worden. Sie haben ihre Chance verpaßt, sich dort tatsächlich zu verankern. Aber mit dem Niedergang der alten Volksparteien vollzieht sich in Deutschland nur, was in den anderen Ländern der EU schon Tatsache geworden ist. Ganz gleich ob Italien, Frankreich oder Belgien, aber auch die Niederlande sind betroffen: die Gruppierungen, die in der Nachkriegszeit den Ton angaben, sind entweder von der Bildfläche verschwunden oder haben sich bis zur Unkenntlichkeit verändert.

Baerbock-Habeck © Dominik Butzmann

Baerbock-Habeck © Dominik Butzmann

Und was ist mit den Grünen?
Nun, in den neuen Bundesländern sind sie bis dato nur ein schwacher Faktor. Aber das kann sich ändern, zumal wenn der Aufstieg in den alten Bundesländern sich fortsetzt und sie Anstalten machen, das Erbe der Volksparteien anzutreten. Sie sind in Zukunft der eine Pol, an dem sich das politische Spektrum ausrichtet: urban, globalistisch, fluide, volkspädagogisch.

Und der Gegenpol?
Den Gegenpol müßte die AfD besetzen: populär, kommunitaristisch, identitär, freiheitlich.

Das stellen sie nicht als neutraler Beobachter fest. Sie sind stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der AfD-nahen Desiderius-Erasmus Stiftung.
Ja, das stimmt, aber ich bin kein Parteimitglied.

AfD

AfD

Aber der linke Journalist Jacob Augstein hat sie schon mal als intellektuelles „backbone“ der AfD bezeichnet.
Herr Augstein neigt zu Übertreibungen. Sagen wir, man lädt mich von Fall zu Fall ein, um meinen Rat zu hören. Ob man ihn beherzigt, steht auf einem anderen Blatt.

Aber Sie sehen Ihre politische Heimat jetzt in der AfD?
Wo sonst? Ich glaube, daß es unter den heutigen Bedingungen gar keine andere Option für einen Konservativen gibt. Das heißt nicht, daß ich die AfD für eine genuin konservative Partei halte, aber sie bietet als einzige die Aussicht, bestimmte konservative Positionen zur Geltung zu bringen.

Das behauptet die „Werteunion“ innerhalb der CDU auch.
Wer wie ich so viele Organisationsversuche der Konservativen in der Union miterlebt hat, die entweder bedeutungslos blieben oder von der Parteiführung ausradiert wurden, der wird diesem neuen Anlauf lediglich mit Schulterzucken begegnen. – Das wird ganz sicher nichts.

Aber Ihnen ist bewußt, daß man im Ausland die AfD mit Skepsis beobachtet.
Das ist ganz sicher so, aber dem sollte man gelassen begegnen. Zum einen wirkt da das nach, was hier in Deutschland an Hysterie im Kampf „gegen rechts“ verbreitet wird, zum zweiten ist die Versuchung auch und gerade bei unseren Partnern in der EU stark, uns bei passender oder unpassender Gelegenheit in die braune Soße zu tunken, schon weil sich das immer zum eigenen Vorteil auswirkt, zum dritten ist ein Vergleich immer wieder erhellend. Und verglichen mit dem, was man bei den britischen Tories oder französischen Gaullisten oder gar in der italienischen Lega für tolerabel hält, erscheint die AfD doch als Kreis von Betschwestern.

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