Ludwig I

Ludwig I. von Wittelsbach, König von Bayern und Marianna Florenzi, eine Marchesa aus Perugia, frönten 47 Jahre lang einer auβerehelichen Liebesbeziehung, die von einem enormen Briefwechsel belegt ist. Ein atemberaubend schönes Italien und die Geschichte Europas des 19. Jahrhunderts stehen für diese pikant-romantische, internationale Affäre Kulisse.

„Sie sind nicht eingeladen. Dergleichen Gebaren mag in der Provinz angehen, jedoch nicht in Rom”, so ähnlich muss die Gastgeberin Herzogin von Bracciano in Villa Torlonia die 19-jährige Marchesa Marianna Florenzi angefahren haben, als sie die auffällig reizende junge Frau uneingeladen auf ihrer Karnevalsfeier ankommen sah. Man schrieb das Jahr 1821 und Marianna war von ihrer Tante in den Maskenball eingeschleust worden. Die Ӓrmste brach gedemütigt in Tränen aus und versteckte sich in einer Ecke. Doch da kam er: ein Prinz, ein Märchenprinz, zwar nicht auf einem Schimmel, aber immerhin als venezianischer Domino verkleidet. Ludwig war 35 Jahre jung, charmant und auf den ersten Blick verliebt. Zur Rehabilitierung der Ausgestoßenen eröffnete er mit ihr, die ebenfalls dem Coup de foudre erlegen war, kurzerhand den Tanz.

Marianna Florenzi

Marianna Florenzi

Die schöne Marchesa Marianna Bacinetti Florenzi war seit zwei Jahren mit dem Marquis Ettore Florenzi aus Perugia verheiratet, was sie allerdings nicht davon abhielt, sofort eine innige Korrespondenz mit dem Kronprinzen einzugehen, die bis zu dessen Tod anhalten sollte.  Über 2000 Briefe schrieb sie, an die 3000 verfasste er. Mariannas Briefe befinden sich im Geheimen Hausarchiv des Bayerischen Staatsarchivs in München. Ludwigs Briefe sind leider nicht mehr erhalten, denn die frömmelnde Schwiegertochter der Marchesa hat sie in einem Inquisitionsraptus, ohne weiteres verbrannt. Wahrscheinlich um die sündhafte Beziehung mit dem Feuer zu reinigen. Im Privatarchiv der Villa Caucci von Saucken bei Perugia, sind allerdings noch an die 5 vergilbten, in einer elegant geschwungenen Handschrift verfassten Briefe des Königs erhalten.

Ludwig: ”Quando ti miro fiso
Mi sembri vision di paradiso
E vision mi pare
Che tu mi sappi amare.”

„Wenn ich dich lange ansehe
Scheinst du mir eine paradiesische Vision
Und eine Vision scheint mir,
dass du mich zu lieben weiβt.”

Marianna: ”Ho letto i tuoi versi con molta soddisfazione… il loro significato è molto lusinghiero al mio cuore.”
„Ich habe deine Verse mit höchster Freude gelesen… Ihre Bedeutung schmeichelt meinem Herzen sehr.”
1824

Das Schiff Bavaria, Ludwigs Kutsche, sollte ihn ca. 40 Mal nach Italien, seinem „irdisches Paradies“, geleiten.

„Ich zählte einen zweiten Geburtstag, als ich Rom betrat. Die einzige Stadt, wo der Himmel der Erde sich öffnet.“ Er kaufte sich   in der ewigen Stadt eine Villa und verbrachte fast jedes Jahr mehrere Wochen im Land „wo die Zitronen blühen“. Zum Antlitz Italiens wurde ihm Marianna, die er gerne mit extravaganten Geschenken verwöhnte: Tannenbäume, Strauβenvögel, exotische Früchte und dergleichen mehr. In Perugia war er bei der Familie Florenzi meist in der Villa La Colombella zu Gast, später im Castello di Ascagnano, das ihn so an seine münchner Residenz, Schloss Nymphenburg, erinnerte.

Mariannas Sohn Ludovico, der – welch ein Zufall! – am 31. Oktober 1821 geboren wurde, galt offiziell als Sohn ihres Gatten Ettore, ist aber wahrscheinlich ein unehelicher Abkömmling des Königs, dem gegenüber er sich immer väterlich verhielt und den er, wie seine Schwester Carlotta, in Bayern unterrichten ließ.

Le colline umbre verso Assisi © NDR

Le colline umbre verso Assisi © NDR

La Colombella ist jetzt Eigentum der Ausländer-Universität von Perugia. In den Hallen, in denen einst die „himmlische Marchesa“, auf Satinkissen liegend, ihre Gäste empfang, finden jetzt internationale Tagungen statt.

Die Marchesa war gebildet, emanzipiert, ja hatte sogar an der Universität von Perugia, als eine der ersten Frauen, Philosophie und Naturwissenschaften studiert. Ludwig zuliebe lernte sie später Deutsch, übersetzte daraufhin die Monadologie von Leibniz ins Italienische und förderte die Diffusion der Werke Kants, Spinozas und Schellings. Sie unterstützte die italienische Nationalbewegung und veröffentlichte im Jahre 1850 die Widerlegung des Sozialismus und Kommunismus, die, wie so viele ihrer Werke, im römischen Verzeichnis der verbotenen Bücher landete. Ihre renommierten literarischen Zirkel zogen Intellektuelle aus ganz Europa an.

Il castello di Nymphenburg

Il castello di Nymphenburg

Immerhin war das dem Kirchenstaat angehörende Umbrien, mit seinem Tempel der Minerva in Assisi und dem römischen Wasserfall von Marmore bei Terni – imposante Stätten, die auch Goethe verzaubert hatten – eine Etappe der obligatorischen Grand Tour-Bildungsreise aller Söhne des europäischen Adels und später des gehobenen Bürgertums des 19. Jahrhunderts.

Der Kunstliebhaber, Schöngeist und Poet Ludwig war in Mariannas Intelligenz, aber vor allem in ihre Schönheit verliebt. In seiner beinahe synästhetischen Bewunderung, lieβ er sie mehrmals porträtieren. Joseph Karl Stielers Gemälde aus dem Jahr 1831 – dem Marianna übrigens so gar nichts abgewinnen konnte – hängt in Nymphenburgs Schönheitengalerie, einer Art visuellem Portfolio aller Gespielinnen des allzu feurigen Königs. Unter ihnen findet sich auch seine wohl berühmteste Eskapade, Lola Montez, die irische Tänzerin, derentwegen es in München zu Unruhen kam, die letztendlich im Zuge der demokratischen Bewegung im Revolutionsjahr 1848 Ludwig zwangen, freiwillig, zugunsten seines Sohnes Maximilian II, abzudanken.

Maximilian II

Maximilian II

Ludwig: ”Degne di più pittori
Sono le tue sembianze al mondo sole,
se non si spera invano
dal poterr dei colori
Questo fo con parole
Ma dall’opera levar non so la mano.”

„Auf der Welt ist einzig dein Aussehen etlicher Maler würdig,
wenn man nicht umsonst auf die Kraft der Farben hofft
Dies mache ich mit Worten
Doch kann ich die Hand nicht vom Kunstwerk lassen.“

Ludwig hatte mit einem hohen Verantwortungsethos regiert. Er war überzeugter Katholik, überzeugter Patriot und überzeugter Monarch. „Wir wollen Deutsche sein und Bayern bleiben“, war sein Mantra.

Er war davon überzeugt, dass Kunst eine erzieherische Wirkung auf den Betrachter ausübe, weshalb er in München eine ehrgeizige Kunstpolitik startete, die es zu einem europäischen Kulturzentrum machten. Museen, Prachtstraßen, Ehrentempel, Ruhmeshallen, Kirchen ließ er bauen – wobei er sich gerne von den architektonischen Eindrücken seiner Italienreisen beeinflussen ließ.

Lola Montez

Lola Montez

Neben seinem Italienspleen unterlag er auch einer ausgeprägten Griechenlandsucht. Sein erster königlicher Erlass war 1825, dass „Baiern“ nunmehr mit „y“ zu schreiben sei. Durch diesen Buchstaben des griechischen Alphabets wollte er dem Land und der Antike huldigen. Es gelang ihm sogar 1832 seinen 16-jährigen Sohn Otto auf den griechischen Königsthron zu heben.

Er hatte Alte Geschichte, Französisch, Italienisch, Spanisch und Russisch studiert. Die griechischen und lateinischen Klassiker las er im Original und schrieb fast täglich ein Gedicht.

Am 12. Oktober 1810 heiratete er die protestantische Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen und rief somit die Tradition des Münchner Oktoberfestes ins Leben. 44 Jahre lang musste die Betrogene seine Seitensprünge ertragen, aber wann immer Marianna nach München Ludwig besuchen kam, verließ sie demonstrativ die Stadt.

Was hatte dieser Don Juan nur an sich, dass er so viele Frauen lieben machte? Die Pockenkrankheit hatte ihm Gesicht und Körper vernarbt, er war schwerhörig und litt überdies auch an Artikulationsproblemen. Es muss sein extrovertierter, lebensbejahender Enthusiasmus gewesen sein, der ihn zu einem Galan ersten Ranges kürte.

Mariannas für die damaligen Zeiten sicher sehr toleranter Ehemann, war immerfort mit der Sanierung seiner ruinierten Finanzen beschäftigt und akzeptierte die jahrzehntelange Liebschaft aus einem einzigen Grund: das liebe Geld. Er hatte in Ludwig wahrhaftig sein Eldorado gefunden, denn für seine Diskretion erhielt er nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch den Titel und die Insignien des Kämmerers.

In fast jedem Brief beschreibt Marianna Ettores peinliche Situation und bittet Ludwig verzweifelt um Geld. Zur Entschädigung wünscht Ludwig ungestörte Intimität sowie miteinander verbundene Schlafzimmer.

Ludwig: “Per ogni mese che starai (Ravenna o Roma) darò al tuo marito 300 scudi romani, ma alla prima sua mancanza a una delle condizioni, basta già ch’io non sia contento di lui, non pagherò più. Ettore è il padrone di non accettare queste condizioni ma allora non deve più aspettare in vita sua un bajocco di me.” 

„Für jeden Monat, den Du (in Ravenna oder Rom) bleiben wirst, werde ich deinem Mann 300 römische Goldmünzen geben; doch beim ersten Verstoβ gegen auch nur eine Bedingung, und sei es nur meine Unzufriedenheit über ihn, werde ich nicht mehr zahlen. Ettore kann diese Bedingungen natürlich abschlagen, doch dann darf er sein Leben lang keinen Heller von mir erwarten.“
1828

Prostitution? Moralische Deklassiertheit? War sie Maîtresse du roi, Vertraute, Freundin, Mutter seines Sohnes – oder doch schlicht eine liebende Frau?

Marianna: ”Ti amo con trasporto e con inclinazione…spero che tu mi amerai sempre come lo farò io…”
„Ich liebe dich mit Inbrunst und Leidenschaft … Ich hoffe, dass du mich immer lieben wirst, wie ich es tun werde… „

Nur schweren Herzens nahm Ludwig jedes Mal von ihr Abschied.

Ludwig: “Oggi, sei anni fa, l’ardentissima passione per te, donna senza pare, partito da Perugia si è manifestata. Di lui accompagnato sino Assisi, Ettore, senza saperlo gettava olio sulle fiamme del mio cuore.”

„Heute, vor sechs Jahren, hat sich die glühende Leidenschaft für Dich, oh einzigartige Frau, eingestellt, als ich aus Perugia abgefahren war. Bis Assisi begleitete mich Ettore, der unwissentlich Öl auf mein Herzensfeuer goss.“
1829

In der Zwischenzeit sprachen ganz Perugia und Rom sich den Mund wund.

Marianna: “A Perugia penso che ognuno creda che fra di noi esiste se non una passione almeno un grande attaccamento… Ettore non ne fa mai parola.”

„Ich glaube jedermann in Perugia denkt, dass zwischen uns, wenn nicht eine Leidenschaft, so doch eine sehr groβe Verbundenheit besteht… Ettore spricht nie darüber.“
1824

Ludwig I - 1860

Ludwig I – 1860

Ludwigs Lieblingsthemen waren eine Zeit lang Sünde, Treue und Untreue. Hatte er doch, um sich seinem Begehren nach Marianna ungestraft hingeben zu können, ernsthaft ein Attest aus Rom erfragt, welches das sechste Gebot für ihn aufheben sollte. Letztlich bestätigte ein Jesuit dem verzweifelten und dann höchst erleichterten König, dass „die eheliche Treue bloss eine Sache des Fleisches sei“ und daher „im Allgemeinen eine Indulgenz in dieser Beziehung für schwache Menschen und Weltkinder nöthig sei“.

Mariannas Briefe sind meist eine detaillierte Auflistung ihrer tägliche Aktivitäten oder banaler Angelegenheiten. Sie sind weder mit Geschraubtheit, noch mit Schwulst verfasst, denn Ludwigs hyperbolische Adverbien lagen ihr definitiv nicht.

Marianna: “Mi fa ancora molto contenta che ti sia rimesso il dente. Ti dico liberamente che con una bella bocca tu puoi essere un bell’uomo, levando il tartaro dai denti.”

„Es freut mich, dass du dir den Zahn wieder eingesetzt hast. Ich sage dir ganz offen, dass du mit einem schönen Gebiss ein schöner Mann sein kannst, wenn du den Zahnstein entfernen lässt.“

Ludwig hingegen hört niemals auf, heiβe Liebesbriefe aufzusetzen.

Ludwig: “A Pompei là stò presente a lui, la di lui passionatamente amata… Mariannina, alla quale da questo piccolo framento d’un muro dipinto vi trovato sulla terra li 28 Aprile 1830. Il suo Lodovico.”

„In Pompei habe ich das von ihm leidenschaftlich geliebte… Mariannchen vor Augen, dem ich dieses kleine Stück einer bemalten Mauer am 28. April 1830 auf dem Boden fand. Ihr Ludwig.“

Ludwig: “Violetta colta sotto il cielo apperto…di Nizza li 10 gennaio 1863”
„Am 10. Januar 1863 unter dem freien Himmel Nizzas gepflücktes Veilchen…“

1833 starb Ettore – drei Jahre später heiratete Marianna den Engländer Evelyn Waddington, der später Bürgermeister von Perugia werden sollte. Auch Evelyn musste die treulose Beziehung seiner Ehefrau wohl oder übel tolerieren.

Mit einem bewegenden Versprechen wagten die Ehebrecher Thanatos zu trotzen, denn das Vorübergehen der Zeit machte beide sprachlos.

Marianna: “Il tempo passa presto anche quando passa male. Eccoci di nuovo a Natale. Si può dire che ieri eravamo giovani ed oggi siamo vecchi.”
„Die Zeit vergeht schnell, auch wenn sie schlecht vergeht. Nun steht wieder Weihnachten vor der Tür. Man kann sagen, dass wir gestern jung waren und heute alt sind.”
1845
Marianna: ”Mi ricordo benissimo di quanto ci promettemmo, e se muoio prima e se fosse permesso (io che non credo) ma se tu lo brami, ti apparirò.”

„Ich erinnere mich sehr gut an unser Versprechen, und sollte ich vor dir sterben und sollte es erlaubt sein (was ich nicht glaube), doch falls du es begehrst, werde ich dir erscheinen.”

Eines Abends im Jahr 1868, kurz nach Ludwigs Tod, kam ein treuer Diener des Königs nach Perugia, um der Marchesa ein versiegeltes Päckchen zu überreichen. Auf einem kleinen Zettel standen folgende blassblaue Zeilen: „Kleiner Schuh der Marchesa Marianna Florenzi, Erinnerung an den ersten Ball in Palazzo Torlonia.“

Das war Ludwigs letzte Hommage an Italien.

Schloss Nymphemburg

© Youtube Raffaello Fanti

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1 Kommentar

  1. Toller Artikel, gut recherchiert.
    Nur ist leider das Bild nicht Marianna Florenzi sonder Friederike von Gumpenberg.
    Es wäre schön wenn dieser Fehler behoben wird.

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