Lino De Palmas davanti a Tavolara © il Deutsch-Italia
Lino De Palmas davanti a Tavolara © il Deutsch-Italia
Sardegna Parco Tepilora

Sardegna Parco Tepilora

Sardinien ist unumstritten eine wunderschöne Insel, die jedoch sehr „isoliert” und weit weg vom „Kontinent” liegt. Daher ist es sicherlich nicht immer von Vorteil, dort zu leben. Vor allem nicht für jemanden, der seinen Weg außerhalb dessen suchen möchten, was das eigene Heimatland zu bieten hat. Wenn diese Heimat in der Barbagia liegt, in einer Region der Insel, die für ihre Ereignisse aus nicht allzu ferner Vergangenheit wohl bekannt ist, sind die Schwierigkeiten, dort herauszukommen, noch um ein Vielfaches größer. Nichtdestotrotz können die Wurzeln, die einem das eigene Heimatland gegeben haben, in vielen Situationen von Vorteil sein. Sie erlauben, höher zu fliegen als die meisten anderen es je könnten und sie bedeuten eine Fülle von Erinnerungen und Erfahrungen im Gepäck, die zuallererst das eigene  Überleben sichern, um dann mit der Zeit in einem anderen Kontext völlig neu entstehen zu können. Der beste Beweis dafür ist einer der „Söhne des

Lino De Palmas

Lino De Palmas

Landes” Lino De Palmas, erst Erzieher, dann Autor und später Publizist. Er ist in Lodè geboren und aufgewachsen, einem 1600 Seelendorf in der Provinz Nuoro. Nachdem er seine Kindheit vorzugsweise auf den umliegenden Bergen verbrachte und dort die Weisheiten der Hirten erlernte, beschloss er später, mit seinem Abitur im Rucksack, „auf den Kontinent” nach Parma zu ziehen, um dort Philosophie zu studieren. Im Jahr 1995 kehrte er nach Sardinien zurück, um sein Wissen über die Bräuche und Traditionen seiner Heimat zu vertiefen. Dazu gehörte vor allem das Studium der Traditionen der sardischen Masken und Dialekte oder anders gesagt, „Sprachen”, die auf der Insel gesprochen werden und sich von Dorf zu Dorf unterscheiden. Mit diesem Erfahrungsschatz im Gepäck landete

Berlino © il Deutsch-Italia

Berlino © il Deutsch-Italia

der begeisterte Akademiker 2001 dann schließlich in Berlin. Die junge Hauptstadt, widersprüchlich wie sie es auch heute noch ist, befand sich inmitten eines expandierenden Landes im Herzen Europas. Damals waren in der deutschen Hauptstadt vorwiegend zwei sardische Kulturen präsent: die ältere Generation, bestehend aus Auswanderern der 50er und 60er Jahre und die neuere Generation, junge Menschen, meist mit Universitätsabschluss, die entweder auf der Suche nach dem großen Glück oder auf der Suche nach sich selbst waren. Der Hauptunterschied zwischen diesen beiden Gruppen bestand darin, dass die ältere Generation Geld an ihre Familie in Sardinien sendete; die neuere Generation hingegen bat ihre sardische Familie um Geld, damit sie sich mit deren Hilfe irgendwie über Wasser halten konnte. Als De Palmas begann, als Erzieher zu arbeiten, fing er zeitgleich an, seine Reflektionen darüber aufzuschreiben, was ihn von nun an tagtäglich umgab und was er hingegen in seinem Geburtsland Sardinien zurückgelassen hatte. Seine Bücher sind der Versuch einer Erklärung in Bezug auf die Veränderungen, die die neue Generation durchlebt und sie sollen Alternativen aufzeigen, wie sich die jungen Sarden vielleicht doch noch eine eigene, autonome Zukunft aufbauen können. Er widmete sich auch der Zukunft unserer ganz kleinen Mitmenschen, die im Mittelpunkt seiner Schriften stehen, angefangen bei

L'asilo al contrario

L’asilo al contrario

Spaghettino”, einer Geschichte für Kinder, die ihnen die Schönheit und Magie des Kochens eines einfachen Pasta Gerichts beibringen soll, über „Il gelato magico” (deutsch: Das magische Eis), in dem die Weisheiten der sardischen Bauern als Leitfaden dienen, um den Kindern beizubringen, wie diese leckere Speise entsteht. Die Herstellung ist übrigens schon fast etwas alchemistisch, da uns die Art und Weise der Entstehung noch aus den Zeiten der alten Römer bekannt ist, die damals Schnee mit Honig und Fruchtsaft zur Abkühlung im Sommer nutzten. Die Araber führten später das Zuckerrohr ein und ein sizilianischer Koch namens Francesco Procopio dei Coltelli trug den Rest dazu bei. Doch es spielt im Grunde genommen überhaupt keine Rolle, wo die Ursprünge eines Rezepts liegen. Es kommt auf das Wissen an, mit dem es im Laufe der Zeit verfeinert wurde und darauf, wie es später an die neue Generation weitergegeben wurde. De Palmas

L'asilo al contrario

L’asilo al contrario

widmete sein Buch „L’asilo al contrario” (deutsch: „Kindergarten umgekehrt”) letzterer, nämlich der neueren Generation. Es ist das erste gedruckte Band einer Reihe kathartischen Geschichten, deren Wurzeln tief in den Erinnerungen an die Jugend des mittlerweile erwachsenen Schriftstellers liegen. Eine Art griechischer Paideia (παιδεία), sprich, die Erinnerung an die Entwicklungsphase des Kindes, das dann zu dem Jugendlichen wird, der heute in Berlin präsent ist. De Palmas analysiert die Depersonalisierung, die die neue Generation durchlebt hat. Denn sie lässt die Wurzeln ihrer Vorfahren, ihrer Großeltern, zugunsten der Globalisierung zurück, die jedoch alles und jeden vereinheitlicht und es Individuen in einer Welt, in der jeder und alles konsumiert wird, unmöglich macht, sich autonom zu bewegen. Das heißt, es ist umso sinnvoller, den „L’asilo al contratio” („Kindergarten umkehrt”) zu durchlaufen, um die eigenen Traditionen, im Falle unseres Autors die sardischen, wiederzuentdecken und die innere Stimme (su connottu), die Weisheiten und den bäuerlichen Aberglauben zu suchen und zu finden. Es wird eine „revolutionäre” und reinigende Erfahrung, denn das alles wurde zugunsten der modernen Götzenbilder aufgegeben, die alle durch spirituelle Überzeugungen repräsentiert werden, die den inneren Frieden zwar ausgiebig loben, der aber oft nur durch den Einsatz von Psychotherapie oder Drogen gefunden werden kann.

Der Barbagia – Orgosolo

© Youtube janas Tv

„Mama Trattoria“, das etwas untypische italienische Restaurant

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