Genova © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia
Genova © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia
Il ponte Morandi © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia

Il ponte Morandi © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia

Am Morgen des 14. August regnete es auf der A10 Genua-Ventimiglia wie aus Gießkannen. Es regnete so stark, dass man die Hand nicht vor Augen sehen konnte. Es regnete über den Hügeln, über den Häusern, über dem Meer. Es goss in Strömen über der einen Kilometer langen Morandi-Brücke, auch „Brooklyn Bridge“ genannt wegen ihrer Betonstreben, die wie Strahlen schräg aus den riesigen Pfeilern hervorschossen. Dann plötzlich Getöse, Krachen, ein ohrenbetäubender Knall, und die Brücke verschwand in einer Staubwolke.

Der Bürgermeister von Genua, Marco Bucci, hat die Figur eines durchtrainierten Ringers, dem man nur ungern auf der Matte gegenüberstehen möchte. Da ist ein kleiner Plausch in seinem Büro in der Via Garibaldi im Palazzo Tursi zum Ende dieses Horrorjahres schon wesentlich angenehmer. Sein direkter Blick und fester Händedruck sind die eines Mannes, der Herausforderungen gewohnt ist, deswegen aber nicht abstumpft. Die schroffe, konzentrierte Miene kann den Hauch von Herzlichkeit nicht ganz verbergen, der sich manchmal in schallendem Gelächter zeigt. Das Büro, in dem wir uns befinden, ist schlicht und einfach eingerichtet. Mit seinen Holzwänden und Seemannswimpeln erinnert es vage an das Armaturenbrett eines Schiffes.

Marco Bucci © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia

Marco Bucci © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia

Für die Genuesen ist der Einsturz der Brücke eine Art „Ground Zero“. Alle stellen sich dieselbe Frage: Wo waren Sie zum Zeitpunkt des Einsturzes und was haben Sie gemacht, als Sie davon erfuhren?
Ich hatte mit dem Rat der Metropolitanstadt getagt und war gerade auf dem Weg zum Kommunalrat, als mich um 11.40 Uhr die Polizei anrief und vom Einsturz berichtete. Ich dachte zuerst, dass Bauschutt heruntergefallen wäre, und fragte nach Verletzten. Als man mir dann sagte, dass zweihundert Meter der Brücke heruntergekommen seien, dachte ich an einen Terroranschlag. Um 12 Uhr bin ich in der Stadtverwaltung eingetroffen und wir haben unverzüglich den Notfallausschuss eröffnet. 20 Minuten nach dem Anruf waren wir also voll einsatzbereit.

War das Ausmaß des Schadens bereits bekannt?
Nein, ganz und gar nicht. Nach einer Stunde begannen wir zu verstehen, dass auch Autos betroffen waren und es viele Opfer geben würde. Die Gesamtzahl der Opfer zeichnete sich drei oder vier Tage später ab.

Genova

Genova

Ein Journalist des Berliner Tagesspiegels“ kritisiert die Politiker der deutschen Hauptstadt scharf: Er behauptet, dass mehr als 90 Prozent von ihnen aus den Parteisekretariaten kämen und sich fast niemand zuvor der realen Arbeitswelt gestellt habe. Es handele sich zwar um akademisch sehr gut ausgebildete Menschen, die jedoch nicht konstruktiv mit Alltagsproblemen umgehen könnten. Viele Unzulänglichkeiten der Hauptstadt beim Umgang mit chronischen Schwierigkeiten hingen mit dieser ungeeigneten politischen Klasse zusammen. Sie haben dreißig Jahre Berufserfahrung in der freien Wirtschaft gesammelt. Wie sehr hat Ihnen Ihr Background in dieser Notsituation geholfen?
Unglaublich viel. Hier liegt genau der Unterschied. Man sollte sich erst sein Gehalt in großen Unternehmen oder anderswo hart erarbeitet haben, bevor man in die Verwaltung einsteigt. Man kann nicht von Anfang an nur Politik machen. Ich kann auf meinen großen Erfahrungsschatz in der Privatwirtschaft zurückgreifen, nicht so sehr als Politiker, aber in der Verwaltung, was jetzt in solchen Notsituationen von enormem Nutzen ist.

Sie sind zum Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau der Brücke ernannt worden. Was genau sind Ihre Aufgaben?
Der Sonderbeauftragte hat eine Doppelrolle. Erstens übernimmt er die Funktion eines Ingenieurs, der garantiert, dass das Projekt durchgeführt wird. Zweitens muss der bürokratisch-administrative Teil geleitet werden. Gleichzeitig sollte der Sonderbeauftragte auch eine Führungsrolle übernehmen, also Orientierung bieten. Das alles muss in einem überaus engen Zeitfenster ausgeführt werden, denn die Stadt braucht die Brücke.

Il porto di Genova

Il porto di Genova

Laut einiger Schätzungen beläuft sich der bisherige Schaden (Stand Dezember 2018) durch den Einsturz der Brücke für Genuas Hafen auf rund eine Milliarde Euro. Wäre denn die wirtschaftliche Stabilität der Stadt gefährdet, sollte diese Situation noch viel länger andauern?
Nun, die wirtschaftliche Stabilität der Stadt sähe ich nicht in Gefahr, aber es würde sicherlich einen enormen Schaden für Logistik und Transport bedeuten. Die Stadt hat sich bisher sehr gut geschlagen, gegenwärtig wächst sie im Vergleich zum Jahr 2017 in allen wichtigen Sektoren, vom Tourismus über die Kultur bis hin zum Hafen. Die Zahl der Arbeitsplätze und die Produktion von Gütern und Dienstleistungen sind gestiegen, auch sind weniger Einwohner weggezogen: nur einige Tausende, nicht mehr Zehntausende pro Jahr wie in der Vergangenheit. Wir sollten also nicht einmal daran denken, dass eine solche Katastrophe unser Wachstum hemmen könnte. Das wäre inakzeptabel.

Aeroporto di Schönefeld © il Deutsch-Italia

Aeroporto di Schönefeld © il Deutsch-Italia

Sie haben gesagt: Im Frühjahr 2019 beginnt der Bau der neuen Brücke, Ende 2019 wird sie schon zu sehen und im folgenden Jahr eröffnet sein. Ich nenne Ihnen nun ein weniger glückliches Beispiel für eine vergleichbare logistische Leistung: 2013 sollte der Berliner Hauptstadtflughafen eröffnet werden, aufgrund einer Reihe technischer und rechtlicher Probleme mit den Sicherheitssystemen ist er jedoch immer noch nicht einsatzbereit. Er sollte die beiden jetzigen Flughäfen ersetzen. Also ein wirklich wichtiges Projekt, das jedoch außer Kontrolle geraten ist und sich Jahr um Jahr verschiebt. Haben Sie keine Angst, dass es in Genua zu einer ähnlichen Situation kommen könnte?
Wenn Sie ein Land sehen wollen, in dem solche Dinge öfter vorkommen, kann ich leider nur sagen welcome at home. Wissen Sie, Bürokratie erfordert viel Mut. Den Mut, daran zu glauben, dass die Dinge gut laufen werden, nicht schlecht. Wenn man sich bei allem absichern will, das schief gehen könnte, kommt man nicht vom Fleck. Dann rate ich Ihnen aber auch, das Haus nicht mehr zu verlassen, es könnte Ihnen ja ein Blumentopf auf den Kopf fallen. Möglich ist das. Oder Sie sollten besser nicht fliegen, denn manche Maschinen stürzen ab. Am gefährlichsten ist, rein statistisch, eine Reise mit dem Auto, man sollte also tunlichst davon absehen. Würden wir so denken, dann träten wir doch nur auf der Stelle.

Aber der Genuese von heute tendiert durchaus zum Stillstand.
Nein, das stimmt so nicht. Lassen Sie uns zwei Dinge unterscheiden: Die Genuesen haben sich schon immer gerne beklagt, was jedoch keinen Stillstand bedeutet, das haben wir in den letzten vier Monaten bewiesen. Wer sich beklagt, weist auf das hin, was nicht gut läuft. Aber das heißt nicht, dass er nicht auch die Ärmel hochkrempelt und hart arbeitet. Wir haben in den letzten vier Monaten Dinge gemeistert, die Italien noch nie zuvor gesehen hatte. Sechs Tage nach dem Einsturz hatten wir Ausweichwohnungen gefunden (Anm. d. Red.: für die Evakuierten aus den Häusern unter der Brücke), drei Wochen später haben wir die erste Straße eingeweiht (die das Zentrum von Cornigliano umgeht und direkt zum Flughafen führt), in fünf Wochen haben wir die Bahnstrecke wieder instand gesetzt, nach weiteren sieben Wochen haben wir noch einmal zwei Straßen eröffnet, und nach zweieinhalb Monaten hatten wir zwei Autobahnen durch eine Schnellstraße miteinander verbunden (Genua-Ost und Genua-West, die aufgrund des Einsturzes unterbrochen waren). Wir haben also ausgezeichnete Arbeit geleistet, und das in sehr kurzer Zeit. Man kann alles schaffen, und die Genuesen haben bewiesen, dass sie dazu in der Lage sind. Also, ja, richtig, der Genuese beklagt sich gerne, aber er tut auch etwas. Nur jammern allein ist problematisch.

Genova © Damiano Meo

Genova © Damiano Meo

Einverstanden, aber mit dieser Stadt muss trotzdem etwas passiert sein. Als die Morandi-Brücke 1967 gebaut wird, zählt Genua knapp eine Million Einwohner; es gibt Fabriken, der Hafen ist das pulsierende Herz der Stadt, viele Pendler arbeiten hier. Kurzum: Genua ist eine Metropole. Fünfzig Jahre später stürzt die Brücke über einer Stadt ein, die nicht einmal mehr 600.000 Einwohner zählt, die Fabriken sind nur noch eine verblasste Erinnerung in Schwarz-Weiß …
Ich erinnere mich kaum daran. Sagen wir, dass diese Fabriken nicht mehr existieren, weil diese Art von Business gar nicht mehr besteht. Die Welt hat sich weiterentwickelt.

Sicher, aber wenn man diese zwei Momentaufnahmen der Stadtgeschichte vergleicht, fragt man sich: Was ist da bloß passiert? Gab es einen Krieg, der die Hälfte der Einwohner ausgelöscht hat, oder eine Epidemie? Warum ist Genua in diesen Jahren verschwunden, während sich andere wichtige Städte im Mittelmeerraum, wie Barcelona oder Valencia, immer weiterentwickelt haben?
In den letzten dreißig Jahren wurde eine klare Entscheidung getroffen. Die Politik hat entschieden, die Infrastruktur nicht weiterzuentwickeln: Man wollte die Stadt isolieren, um sie ohne Probleme regieren zu können. Ein Mangel an Visionen, oder sagen wir, eine etwas andere Vision: Das System sollte isoliert werden, um es auf diese Weise besser verwalten zu können, man wollte keine Einmischung von außen. In der heutigen globalisierten Welt ist das natürlich ein unverzeihlicher Fehler. Die Menschen, die diese Entscheidung getroffen haben, sind mit Sicherheit nicht meine Freunde. Das Programm des Bürgermeisters vor mir (Anm. d. Red.: Marco Doria, Mitte-Links) sah Genua als eine Stadt im Niedergang, es ging darum, diesen Niedergang zu verwalten. Mein Programm wirbt stattdessen darum, Genua wieder aufleben zu lassen, die Stadt an die Spitze des Mittelmeerraums zurückzuführen. Das ist eine völlig andere Sichtweise. Und das Schönste daran ist, dass die Genuesen daran glauben und die Stadt tatsächlich aufblüht. Ich glaube, mein größtes Verdienst bisher war, den Genuesen wieder den Mut zu geben, Vertrauen in eine bessere Zukunft zu haben.

Il nodo di San Benigno nei progetti della Gronda © CC BY-SA 2.5 Alessio Sbarbaro Flickr

Il nodo di San Benigno nei progetti della Gronda © CC BY-SA 2.5 Alessio Sbarbaro Flickr

Nötig ist also Infrastruktur wie beispielsweise die Autobahntrasse Gronda?
Nun, bei der Gronda (Autobahnverbindung zur Umgehung der Stadt im Norden) handelt es sich nicht um ein Projekt des Bürgermeisters, sondern um notwendige Infrastruktur. Das gilt auch für den neuen Wellenbrecher, einen der größten Bauten, die in den letzten Jahrzehnten in einem italienischen Umschlaghafen verwirklicht wurden. Oder für die oberirdische U-Bahn mit drei neuen Linien, die das Stadtzentrum mit den Vororten oder der Waterfront (Renzo Pianos Entwurf zur Umgestaltung des Hafenbereichs) verbinden sollen. Insgesamt sollen etwa zwölf Schlüsselprojekte die Stadt voranbringen. Wir sprechen hier von einer Investition in Höhe von 14 Milliarden Euro, die sich positiv auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt auswirken wird.

In wie vielen Jahren werden diese Arbeiten Ihrer Meinung nach beendet sein?
Mein Auftrag ist es, alle diese Projekte bis zum Ende meiner Amtszeit auf den Weg zu bringen (Anm. d. Red.: 2022). Das ist mein Ziel. Ich denke, ich kann noch ein bis zwei U-Bahn-Linien und die Waterfront einem Praxistest unterziehen.

Ihre Vision unterscheidet sich sehr von denen Ihrer Amtsvorgänger, inwiefern spiegelt sie auch die Stadt wider? Fakt ist, dass viele Genuesen, ob Ihre Wähler oder nicht, heute denken: „Zum Glück haben wir einen Bürgermeister wie ihn, der nichts mit den verkrusteten Strukturen zu tun hat, die Genua in der Vergangenheit blockiert haben.” Aber auch Sie sind an eine bestimmte politische Partei gebunden.
Ich weiß nicht, ob es diese eine politische Partei für mich gibt. Mein Konzept lautet: Ich habe eine bestimmte Vision davon, wie sich diese Stadt entwickeln soll. Unterstützer sind herzlich willkommen.

Aber werden Sie diese Unterstützung denn immer finden können?
Meiner Meinung nach ja, und falls ich sie nicht mehr finden sollte, danke ich ab. Das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist ein entscheidungsunfähiger Bürgermeister ohne Mehrheit. Ein amerikanisches Sprichwort besagt: „Eine schlechte Entscheidung ist immer noch besser als gar keine Entscheidung.“

Die Stadt scheint aber noch zwiegespalten: Einerseits will man daran glauben, andererseits hat man große Angst, sich wirklich darauf einzulassen. Unterschwellig fürchtet man immer, es könnte doch wieder schief gehen.
Nun, natürlich ist das ein riesiger Schritt nach vorne, wir sprechen hier über dreißig Jahre Stillstand. Es gibt Menschen, die während ihres gesamten Berufslebens nur Niedergang erlebt haben. Heute geht es darum, neu durchzustarten. In den letzten zwölf Monaten wurden 6.000 Arbeitsplätze geschaffen, allein das gleicht einer Revolution. Daran hatte niemand geglaubt.

In welchen Bereichen?
Die beiden wichtigsten Bereiche sind der Hafen und der Tourismus, insbesondere der Kreuzfahrttourismus.

Das ist Marco Bucci
Marco Bucci wurde am 31. Oktober 1959 in Genua geboren. Nach seinem Abschluss in Chemie und pharmazeutischer Technologie sammelte er über dreißig Jahre Führungserfahrung in multinationalen Unternehmen der chemischen und biomedizinischen Industrie. Bis zum Jahr 2015 hielt er sich hauptsächlich im Ausland auf, vor allem in den USA, wo er insgesamt zwanzig Jahre verbrachte. Im Jahr 2015 wurde er vom Gouverneur der Region Ligurien, Giovanni Toti (Mitte-Rechts), zum alleinigen Geschäftsführer der Liguria Digitale ernannt, einem Unternehmen, das die digitale Strategie der Region entwickelt. Im Jahr 2017 bewarb er sich bei den Kommunalwahlen an der Spitze einer Mitte-Rechts-Koalition als unabhängiger Kandidat für das Amt des Bürgermeisters von Genua. Als Außenseiter, dem die veralteten Mechanismen der Städtepolitik fremd waren, brachte er seine Gegner schnell aus dem Gleichgewicht und eroberte die Wähler im Sturm. Marco Bucci wurde im zweiten Wahlgang zum Bürgermeister Genuas gewählt und unterbrach damit die seit 1975 bestehende Hegemonie der Mitte-Links-Regierung. Am 4. Oktober 2018 wurde er von der Regierung zum Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau der Autobahnbrücke über den Polcevera (Morandi-Brücke) ernannt.

-Fortsetzung morgen

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