Genova © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia
Genova © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia
Berlino © il Deutsch-Italia

Berlino © il Deutsch-Italia

Da wir gerade beim Tourismus sind: Es gibt viele Großstädte, die das Konzept des Massentourismus in Zweifel ziehen, ich denke da an Barcelona, aber auch an Berlin. Man geht dort davon aus, dass diese Art von Tourismus in sozialer wie in wirtschaftlicher Hinsicht kontraproduktiv sei.
Ich würde zu gerne in dieser Situation stecken, (lacht) will heißen, dass wir noch eine unentdeckte Stadt sind. Meiner Ansicht nach ist der Tourismus überaus wichtig. Unser Land hat ein gewaltiges künstlerisches und kulturelles Erbe. Italien wird daher immer mit Tourismus, auch Massentourismus, zu tun haben. Wir müssen ihn so gut organisieren wie nur möglich und sicherstellen, dass die Auswirkungen auf die Stadt positiv sind. Die Lebensqualität, die Folgen für Wirtschaft und Nachhaltigkeit müssen überwacht werden. Ich denke an geführte Touren und an die Lenkung der Touristenströme durch abwechselnde Besuchstage. Vor allem die Saisonabhängigkeit ist ein großes Problem, wir müssen das durchbrechen und die Besuche über einen größeren Zeitraum verteilen. Ich denke da nicht an Mautgebühren, die bringen nichts, sondern an einen kleinen Obolus. Dafür benötigt man jedoch ein Angebot, das auf diesen kleinen Betrag angerechnet werden kann. Wenn ich jetzt eine Gebühr für Besucher einführen würde, wäre das ein großer Fehler, da der Tourismus sich bei uns noch im Wachstum befindet. Vielleicht können wir darüber nachdenken, wenn das System gesättigt ist.

Wann gilt ein System als gesättigt?
Schauen Sie, wir haben hier in Genua circa drei Millionen Übernachtungen pro Jahr. Ich glaube, dass man die Zahl problemlos verdoppeln könnte. Der signifikante Schwellenwert liegt also bei sechs Millionen Übernachtungen. Bitte denken Sie aber auch daran, dass New York 50 Millionen Übernachtungen zählt, das heißt, es liegt noch ein weiter Weg vor uns. It’s a long way to go.

Die geografische Lage sollte dabei helfen, sie war schon immer eine Stärke Genuas.
Geografisch gesehen befinden wir uns sicher an einem strategischen Punkt: Wir sind das Tor zu Europa. Diese Position wird mit dem Rhein-Alpen-Korridor, d. h. dem dritten Pass, noch an Bedeutung gewinnen.

Genova © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia

Genova © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia

Wenn wir dann noch die günstigen klimatischen Bedingungen hinzurechnen, die milden Temperaturen, das bedeutende historische und kulturelle Erbe der Stadt, die berühmte Riviera und das noch zu entdeckende Hinterland, hat Genua alle Trümpfe in der Hand, um Fachkräfte und Forscher anzuziehen und damit den Aufschwung zu befördern. Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist das hier fast Kalifornien.
Sehr gut! Jetzt folgt eine kleine Weltpremiere: Wir sind nicht im Silicon Valley”, sondern im Basilicon Valley”. Wir haben hier das IIT (Italienisches Technologieinstitut), das 1.300 Menschen pro Jahr beschäftigt, die alle von außerhalb kommen. Der Statistik nach steigt die Zahl der unter 35-Jährigen kontinuierlich, ebenso wie die der über 55-Jährigen. Die Bevölkerungsgruppe dazwischen ist noch rückläufig. Das ist sehr wichtig.

Wann begann dieser demografische Wandel?
Anfang 2017, vor etwa anderthalb Jahren. Das ist eine wichtige Kehrtwende, denn es bedeutet, dass junge Leute kommen. Aber die wichtigen Jobs, also die Karriere usw., werden immer noch außerhalb gemacht, erst danach kommt man zurück. So ähnlich, wie ich es auch getan habe, um das klar zu sagen. Momentan beklagen sich hier Unternehmen, es gebe nicht genügend Ingenieure. Angehende Ingenieure haben in Genua schon drei oder vier Wochen vor ihrem Studienabschluss einen Arbeitsplatz. Daher denken wir gemeinsam mit der Universität darüber nach, wie wir Studierende der Ingenieurswissenschaften dafür gewinnen könnten, hierherzukommen. Wir müssen bei diesen jungen Menschen beginnen, denn sie werden neue Systeme schaffen. Investoren zu finden, ist eine weitere Möglichkeit, die Stadt neu zu beleben. Ich war dieses Jahr sehr viel unterwegs, in San Francisco, London, Shanghai, St. Petersburg, um mit Investoren zu sprechen und sie davon zu überzeugen, zu uns zu kommen. Denn Investitionen bringen hier mehr ein. Die Arbeitskosten sind bei uns um 15 Prozent niedriger als zum Beispiel in Mailand, und das ist ein sehr wichtiger Punkt. Außerdem haben wir sehr gut vorbereitete Leute. Wer an der Fakultät für Ingenieurswesen in Genua studiert hat, kann ein wirklich hohes Ausbildungsniveau vorweisen. Und dann ist da noch die Blue Economy, alles, was mit dem Meer zusammenhängt. Dazu gehört auch der Beruf des Seerechtsanwalts, eines der schwierigsten Metiers überhaupt. Und eine ganze Reihe weiterer Berufe, vom Schifffahrtskaufmann bis zum Verlader. Außerdem gibt es die Werften, die Kapitänsschule. Es ist gar nicht so einfach, einen Ort zu finden, an dem die gesamte Blue Economy vertreten ist. Das ist ein ganz klarer Mehrwert, wer in Genua investiert, hat mehr davon, zumindest in diesem Bereich.

Was können eine Stadtverwaltung und ihr Bürgermeister tun, um solche Investitionen anzuziehen?
Standort-Marketing ist etwas, worüber kaum gesprochen wird, dabei ist es meiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg: Make it easier. Wenn sich beispielsweise ein Unternehmen hier niederlassen möchte, weisen wir ihm einen Ansprechpartner in der Stadtverwaltung zu. Dieser übernimmt dann den gesamten bürokratischen Aufwand, das Unternehmen muss sich darum nicht mehr kümmern.

Die Stadtverwaltung übernimmt das direkt?
Na klar, wir arbeiten für die Unternehmer. Es liegt doch in unserem Interesse, dass sie ein leichtes Leben haben. Wir fungieren als Wegbereiter. Das ist sehr wichtig, denn die italienische Bürokratie und das Steuersystem sind die größten Hürden für interessierte Investoren, vor allem aus dem Ausland. Die kommunalen Steuern senken wir, wenn die Zahl der Beschäftigten steigt. Wir haben also klare Pläne für Investoren, die bei uns Arbeitsplätze schaffen wollen.

© il Deutsch-Italia

© il Deutsch-Italia

Wie kann Europa diese Entwicklung fördern?
Europa kann dabei unterstützen, sollte jedoch flexibler werden. Toyota hat uns in den Achtzigerjahren mit dem sogenannten lean manufacturing (schlanke Fertigungsprozesse) gezeigt, wie man intelligenter vorgehen kann als bisher. Vor der Einrichtung der neuen Prozesse hatten die Steuerungssysteme so funktioniert: Man produzierte 100 Teile und kontrollierte sie Stück für Stück. Fand man drei kaputte Teile, wurden diese weggeworfen, die anderen behielt man. Diese Kontrollen und die Abfälle kosteten jedoch viel Geld. Und genau das macht auch Europa, und das ist ein wirklich großes Problem, denn ständige Kontrollen verlangsamen alles, bedeuten hohe Kosten, Schwierigkeiten usw. … Toyota hingegen hat uns damals gelehrt: Wenn man 100 gute Autos bauen möchte, dann sollte man einfach von Anfang an sehr gut arbeiten. Das heißt, es muss garantiert werden, dass jeder einzelne Schritt von Beginn an sehr gut durchgeführt wird, und das erreicht man durch Prozesse. Am Ende der Produktion muss dann nichts mehr kontrolliert werden. Europa muss also die Anfangsinvestitionen tätigen und den Playern Vertrauen geben.

Ja, aber es gibt Player und Player.
Ja, sicher. Wenn die Player nicht passen, muss man sie wieder wegschicken. Das Prinzip muss sich trotzdem von Grund auf ändern. Nehmen wir beispielsweise das italienische Verfahren bei der Auftragsvergabe: eine Unmenge von Kontrollen, die alle blockieren, also auch die guten Player. Die Falschspieler werden trotzdem einen Weg finden, sich einzuschleichen. Das bringt doch alles nichts. Man benötigt eine bestimmte Vision, um bestimmte Ziele zu erreichen, denn mangelnde Kontrolle bedeutet Machtverlust. Momentan kontrolliert man aus Machtgründen, statt Vertrauen zu schenken. Das Empowerment – wie man so schön sagt – muss aber an die Spieler abgegeben werden. Sonst ist es so, als wollte man eine Fußballmannschaft nicht an den Ball lassen. Das muss man aber, sonst braucht man ja keine Mannschaft.

Warren Buffett © USA International Trade Administration

Warren Buffett © USA International Trade Administration

Aber in einem System wie dem italienischen ist das eine doppelte Herausforderung – letztlich befindet sich das ganze Land in einer ähnlichen Situation wie Genua, in einer 10 Jahre andauernden Wirtschaftskrise, der 10 Jahre Stagnation vorausgegangen sind. Die Stadt hat begrenzte Mittel, schließlich hat sie 30 Jahre wirtschaftliches Blackout hinter sich und liegt in einem Land, das für jeden Cent öffentlicher Fördermittel kämpfen muss und vor dem enormen Problem von Staatsverschuldung und Korruption steht.
Aber genau hier liegen die größten Chancen. Warren Buffet, den Sie sicherlich kennen, kaufte immer die schwächsten Aktien, da sie unterbewertet sind. Das Konzept dahinter ist, dass es nur noch bergauf gehen kann, wenn man einmal die bottom line, die untere Grenze, erreicht hat. Um sich zu verbessern, muss man manchmal andere zum Vorbild nehmen. Wenn ich beispielsweise ein Projekt im Bereich Straßenverkehr durchführen muss, schaue ich, wie es die erfolgreichsten Städte Europas gemacht haben und kopiere deren Vorgehensweise.

Von welchem Modell lassen Sie sich inspirieren?
Die Schweiz gefällt mir sehr gut. Sie hat den Zugverkehr sehr effizient umgesetzt, ich habe da z. B. Zürich und Genf im Kopf. Es wurde sehr viel am Transportsektor gearbeitet. Die Städte dort sind klein, aber Genua recht ähnlich. Sich etwas abzuschauen, ist überhaupt nicht schlimm, insbesondere, wenn es gut umgesetzt wurde.

Sie haben sich fünf Jahre gegeben. Am Ende werden Sie eine Bilanz dessen ziehen, was Sie erreicht haben.
Ich ziehe alle sechs Monate Bilanz. Nach fünf Jahren wird sich dann zeigen, was begonnen und erfolgreich beendet wurde, was begonnen, aber noch nicht vollständig abgeschlossen wurde – das wird dann jemand anderes beenden –, und wir werden auch darüber sprechen, was leider nicht in die Wege geleitet wurde.

Viele der von Ihnen angeführten Projekte dauern mehr als fünf Jahre. Es ist jedoch nicht sicher, dass Sie wiedergewählt werden. Nichts ist in Stein gemeißelt.
Das ist richtig, ich könnte mich auch gegen eine weitere Kandidatur entscheiden.

Marco Bucci © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia

Marco Bucci © Edoardo Laudisi per il Deutsch-Italia

Absolut, aber was würde dann mit den unvollendeten Projekten passieren? Eine neue Regierung könnte theoretisch alles Stück für Stück auseinandernehmen.
Wissen Sie, ich bin fest davon überzeugt, dass jedes Land die Regierung hat, die es verdient, und das gilt auch für Städte und deren Bürgermeister und Stadträte. Wenn eine Stadt also verstanden hat, dass ein bestimmter Weg der richtige ist, dann wird dort jemand gewählt, der diesen Weg weiterverfolgt. Falls ich tatsächlich nicht mehr kandidieren sollte, werde ich eine Person unterstützen, die mir geeignet erscheint, meine Vision voranzutreiben. Ich habe lange in Unternehmen gearbeitet, Wechsel ist normal. Wenn man etwas kann, ist es wirklich schwer, in einem Unternehmen länger als fünf Jahre in derselben Position zu bleiben. Man tritt auf der Stelle, denkt, nach fünf Jahren schon alles zu wissen, und dann macht man Fehler. Man verliert die Freude an der Sache. Das sind wichtige Aspekte. Am Anfang hat man den Wunsch, Neues in die Wege zu leiten. Das fünf Jahre lang aufrechtzuerhalten, ist schwer, bei zehn Jahren wird es noch schwerer. Außerdem ist niemand so unentbehrlich, wie er glaubt. Zum Abschied gebe ich Ihnen ein amerikanisches Sprichwort mit auf den Weg, das besagt: Die Friedhöfe sind voll von unentbehrlichen Männern.”

Während ich das Büro in der Via Garibaldi verlasse, überlege ich, ob Marco Bucci vielleicht recht haben könnte; wer sich für unentbehrlich hält, ist bereit für den Friedhof. Doch wenn dieser Bürgermeister auch nicht unentbehrlich ist, braucht ihn die Stadt trotzdem dringend, zumindest in dieser heiklen Situation. Denn in der Krise rund um den Brückeneinsturz hat er den Stier bei den Hörnern gepackt. Jahrzehntelang wurde die ligurische Hauptstadt von Konkursverwaltern beherrscht, die den Niedergang begleitet und mit ein wenig Wohlfahrt und Kultur abgemildert haben, während wichtige Projekte aus unerklärlichen Gründen aufgegeben wurden und die Züge nicht mehr am Hauptbahnhof hielten. Im Grunde hat Marco Bucci nichts anderes getan, als nach dreißig Jahren eine Schatzkammer aufzuschließen, die Fenster aufzureißen und frische Luft hereinzulassen. Die eigentliche Herausforderung liegt nun vor den Genuesen, die aus ihrer Lethargie erwachen, sich an ihre vergangenen Leistungen erinnern und wieder für ihre Zukunft kämpfen müssen.

Genua, volle Fahrt voraus.

Die Morandi-Brücke, der Einsturz und die Phasen des Wiederaufbaus
Bei der Katastrophe am 14. August 2018 kamen 43 Menschen ums Leben, 9 weitere wurden verletzt. Laut den jüngsten Erkenntnissen (Stand: 25. Januar 2019) haben nicht, wie ursprünglich angenommen, die Tragseile den Einsturz verursacht, sondern ein anderer Teil des Viadukts. Die gegenwärtig wahrscheinlichste Theorie geht davon aus, dass die Strebe am Pylon nachgegeben hat, die die Fahrbahn stützte. In der Folge sollen auch die Tragseile gerissen sein. In Anbetracht der fehlenden strategischen Infrastruktur, die im Laufe der Jahre durch Aktivistenkomitees (Autobahnzubringer Gronda) und gerichtliche Ermittlungen (dritter Bahnübergang) blockiert worden war, traf der Einsturz der Morandi-Brücke die Stadt wie ein Hammerschlag und riss sie gnadenlos in zwei Hälften. Das damit einhergehende Trauma ist noch nicht bewältigt. Der sofortige Wiederaufbau des Viadukts ist daher ein existenzielles Thema für die Stadt. Am 17. Dezember 2018 betraute der Bürgermeister von Genua – in seiner Funktion als Sonderbeauftragter für den Wiederaufbau der Brücke – die Unternehmen Fincantieri und Salini damit, den Entwurf des Architekten Renzo Piano umzusetzen. Bis Ende März 2019 soll der Abriss der alten Brücke abgeschlossen sein, danach können die Aufbauarbeiten beginnen. Bis Ende 2019 ist die Fertigstellung des Tragwerks geplant, ab April 2020 soll die Brücke passierbar sein.

Den ersten Teil können Sie hier lesen

Achse Berlin-Rom

Vorheriger Artikel

„Mama Trattoria“, das etwas untypische italienische Restaurant

Nächster Artikel

Das könnte dir auch gefallen

Kommentare

Einen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.