AdK Poesiefestival opening © gezett
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Thomas Wohlfahrt © Tina Brüser Haus für Poesie

Thomas Wohlfahrt © Tina Brüser Haus für Poesie

Herr Wohlfart, seit 20 Jahre leiten Sie das „Poesie Festival“ von Berlin. Wie kamen Sie auf diese Idee und was waren Ihre Motivationen?
Es hat wahrscheinlich damit zu tun, dass es zu Hause immer Bücher gab, aber letztendlich war’s es doch eine Deutsch Lehrerin die irgendwie dafür gesorgt hat dass Lyrik kein Schreckgespenst wurde, sondern für mich so ein Weg bereitet hat zum Gedicht. Dann, während des Studiums in Halle kam ich auf ein Lyrikseminar von Rüdiger Ziemann, und das waren zwei Seminare zur Hölderlins Heidelberg Ode. Ein Seminar nur über zwei Versen „Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön / Liebend unterzugehen / In die Fluten der Zeit sich wirft“. Die meisten haben den Kopf geschüttelt und wir waren wenige die mit den Seminarlehrer richtig diskutiert haben. Das war dann ein Türöffner für mich persönlich. Dann, nach der Wende wurde ich gefragt ob ich mir vorstellen konnte ein solches Haus wie Literaturwerkstatt oder Literaturhaus zu machen und ich habe ja gesagt, ohne zu wissen was es heißt und dass wurde dann doch ein Lebensprojekt. In 1992 haben wir die erste „Berliner Sommer Nacht der Lyrik“ organisiert. Das war die Keimzelle für das was das „Poesie Festival Berlin“ heute ist. Durch alle Jahre wurden es immer mehr Leute, es wurde immer großer und großer. Und dann kam das Literaturprojekt Europa 2000 mit circa 30 Ländern die jeweils drei Autoren nach Lissabon schickten. Wir fuhren zusammen mit über 100 Autoren für 6 Wochen durch Europa und kamen hier in Berlin an. Dass war das größte Literaturfestival das man je gesehen hat und war der Auslöser für das „Poesiefestival Berlin“ in 2000. Damals wurde alles mit wenig Geld organisiert aber heute sind wir relativ gut finanziert.

Finanziert vom Staat oder durch Privatsponsoren?
Vom Bund. Es sind auch ein paar Private dabei, aber das ist minimal und spielt kaum eine Rolle.

Was ist das Konzept des „Poesie Festival Berlin“?
Wir wollten Lyrik in alle Ihre Erscheinungsweisen, in alle möglichen Formate anbieten. So ein Spotlight draufsetzen. Denn für mich ist Poesie eine eigenständige Kunst, also Kunst der Sprache, aber auch eine Querschnittkunst und das kann man wirklich durch die Jahrhunderte feststellen. Es waren immer die anderen Künste, Malerei, Gesang, Tanz, die zum Gedicht kamen, weil sie sich im Gedicht wiederfanden. Denn das was die Kunst ausmacht ist in der Poesie drin. Also die Klanglinien, die zur Musik gehen, die Rhythmen die zum Tanz gehen und die Welt der Bilder.

Lara Rüter © Mirko Lux

Lara Rüter © Mirko Lux

Wenn wir alle Künste nehmen, und wir nehmen die Dichtung, dann scheint Poesie die ärmste Schwester zu sein. Der Dichter ist nicht mehr eine Hauptfigur der kulturellen Welt, ist nicht mehr an Zentrum der kulturellen Debatte, sondern ist eher eine Randfigur geworden und die Poesiebücher sind nur noch in der letzten Ecke der Bibliothek zu finden. Doch Veranstaltungen wie diese haben viel Erfolg. Wie erklären Sie sich diesen Wiederspruch, wenn man überhaupt von Wiederspruch sprechen kann?
Ich glaube man muss es ernst nehmen, dass sich Lyrik im Format des Buches schlecht verkauft und in dem Moment wo der Live act da ist, dieser von Körper zu Körper geht ohne dass das Buch eine Rolle spielt. Das kann man ja beobachten. Und das hat wahrscheinlich auch mit dem Format Buch zu tun. Das Buch ist ein wundervolles, aber hochproblematisches Medium für Lyrik. Es enthält sicherlich den komponierten Text des Dichters Gedicht nach Gedicht sodass eine Sammlung entsteht und präsentiert sich als grafische Inszenierung der Gedichte. Aber all was drinnen steht im Gedicht, was das Gedicht zum Gedicht macht, also Klang, Rhythmus zum Beispiel, das kriege ich durch das Stille Lesen nicht mit denn nur wenige sind in der Lage eine Partitur vom Lesen her zu kapieren. Die Dimensionen zu erahnen, d.h. Klang und Rhythmus zu übersetzen wird erst möglich, wenn ein Instrument auftritt und das ist die menschliche Stimme. Und das ganze musikalische kommt raus. Und die Rythmusdimensionen auch. Für mich ist das Gedicht ohne hin eine 3D Installation durch Sprache. Das ist wahrscheinlich der Grund warum die Lyrik in der Buchform gewisse Probleme hat, aber dem Gedicht an sich geht es nicht schlecht und immer mehr Dichter und Dichterinnen schreiben, und es sind junge Leute.

Und wie kommen diese Dichter and den Markt, wenn nicht durch das Buch?
Wir haben ein paar Untersuchungen gemacht über das Einkommen der Dichter. Also 75 Prozent der Dichter liegen unter den Durchschnittseinkommen Deutschlands, und 25 Prozent davon leben in prekären Verhältnissen. Der andere Wert ist das im Durchritt die Dichter drei bis viermal mehr verdienen über Veranstaltungen wie das Festival als über das Buch.

Oskar Pastior © gezett

Oskar Pastior © gezett

Also man könnte fast sagen das Buch ist heute nebensächlich…
Das Buch bleibt etwas Schönes aber wenn man zum Beispiel die Musikindustrie betrachtet, als die Popindustrie zusammenbrach und die CDs von den neuen Technologien ersetzt wurden, dann mussten die Bands wieder in die Frontbühne, die mussten wieder zu den Leuten. Und historisch gesehen kommt das Gedicht vom Marktplatz, also da wo Leute sind, und noch früher, zu den Zeiten Homers, war das Gedicht eine reine mündliche Erzählung. Also war das Gedicht vom Anfang an von musikalischen Elementen konstituiert, das kognitive kam erst später. Das Buch ist nicht die Sache selbst, sondern ist nur ein Medium der eigentlich dazu getragen hat, dass die Gedichte immer „dichter“ wurden, mit immer wenige musikalische Elemente, die von kognitiven Inhalten ersetzt wurden. Wurde immer kleinteiliger und letztendlich verlor an Resonanz und an Leuten, die sich dafür interessierten.

Also die Zukunft der Dichtung liegt in die Vergangenheit?
Das weiß ich nicht, zumindest hat sie eine große Zukunft. Rein Zeitökonomisch, also das Gedicht ist per se, abgesehen vom Land Poem, kurz. Und diese Tausendseitigen Romane, wer hat die Zeit noch. Dichtung ist quasi ausgefallen in den Schulen in den Universitäten oder in den Medien, denken sie nur an das Radio, ein ideales Medium für Lyrik, aber ich glaube es gibt viel zu tun in dieser Hinsicht. Deswegen glaube ich, dass Dichtung eine große Zukunft hat. Gerade in diesen Zeiten die wir haben, diese Verrohung der Sprache, diese Sprachlügen; also es braucht auch Wiederstehende die Sprachkritik üben.

Dante---Göttliche-Komödie © il Deutsch-Italia

Dante—Göttliche-Komödie © il Deutsch-Italia

Da kommen wir zu dem Motto des Poetry Festival 2019: „endlich Zeit für Sprache“. Auf der Webseite des Poesiefestivals kann man lesen: „Sprache wird benutzt, um die Normen von Moral und Respekt zu verschieben, die Wahrheit zu diskreditieren sowie Autokratie, Nationalismus und Diskriminierung gesellschaftsfähig zu machen. Es ist Zeit für sprachliche Gegenmaßnahmen und künstlerische Interventionen“ Es klingt fast wie ein Aufruf für eine politische korrekte Sprache. Doch sollte die lyrische Sprache, so wie die literarische Sprache in seinen authentischen Klang, eher politisch unkorrekt sein; ich denke an Celine, De Sade, Pasolini, Henry Miller, Ezra Pound, Dante (denken Sie am Inferno) um nur ein paar Namen zu erwähnen. Wenn man aber Sprache moralisch ladet, entsteht vielleicht nicht die Gefahr die Freiheit der Kunst und seine Kreativität zu gefährden?
Ich bin für gute Sprache und mit „endlich Zeit für Sprache“ ist eigentlich gemeint: wir setzten gute Sprache ein. Also sprachlich gut gebaute Gedichte. Das heißt ich demonstriere gegen dieses hoch aggressive Zeug indem ich einen guten Text setzte. Sprache muss Lust machen und über den Zeigefinger erschrecke ich nur die Leute. Ziel ist endlich die Sprache zu genießen und nicht dauernd diesen Hass haben.

Alice Solomon Schule 05 © il Deutsch-Italia

Alice Solomon Schule 05 © il Deutsch-Italia

Ich zitiere: Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer“. Sie werden sich bestimmt erinnern an den Fall „Alice-Salomon-Hochschule Berlin gegen den Dichter Eugen Gomringer“, als ein Komitee von Feministen sich entschloss diesen Gedicht von der Außenwand der Schule zu entfernen, mit der Begründung es sei patriarchalisch weil dort die Frau als Muse, also als passiven Objekt beschrieben wird, und auch sexual belästigend wegen diesen „Bewunderer“ und das Gedicht musste deswegen weg. Sie haben sich damals darüber klar geäußert. Was sind heute Ihre Gedanken darüber, und was sagt uns diese Geschichte über der heutigen Zeit und die Beziehung zwischen Sprache und Freiheit?
Dass erzählt ziemlich viel über unsere Zeit das sowas möglich ist, weil die lieben Leute die Sprache nicht verstehen können. Es ging um den Begriff „Bewunderer“, und wir waren ja Mitveranstalter von Alice-Salomon Poetik Price und als das losging mit der Polemik sind wir komplett zurückgetreten und haben gesagt wir nicht. Und nachdem es nicht mehr auszuhalten war habe ich persönlich dafür gesorgt das der Aufschrei überhaupt losging. Ich habe das durchgesprochen mit der FAZ, dann kamen die ersten Artikeln und dann hörte es überhaupt nicht mehr auf. Das Problem ist, die lieben Leute kennen die Sprache nicht. Also der Bewunderer, um dem Begriff ging es ja, wenn ich bewundere dann ist es erst eine ganz tolle menschliche Fähigkeit. Kinder bewundern, wenn ich aber bewundere dann fahre ich mein eigenes Ego zurück, sonst kann ich nicht bewundern. Ich anerkenne etwas außerhalb von mir was besser, schöner, breiter höher usw. ist, etwas was ich eben nicht bin. Deshalb bewundere ich, anders geht Bewunderung nicht. Was diese Leute missverstanden haben: der Bewunderer grabscht und giert nicht. Dass sagt viel über den gesellschaftlichen Diskurs der gerade los ist, dieses ganze identitistische, dieses hyperkorrekte was immer unkorrekt ist, dieses Durchgendern von Sprache. Umgekehrt muss man aber sagen, was nicht in der Sprache ist findet auch nicht statt. Das gehört auch dazu. Also niemand würde heute von Frau Lehrer sprechen, alle sagen Frau Lehrerinn oder Frau Bundeskanzlerin obwohl grammatisch könnte die andere Form völlig korrekt sein. Aber man wird einen Durchgegenderten Roman nicht lesen können. Das wäre unerträglich. Ein Durchgegenderten Gedicht ist nicht vorstellbar. Und auch dieser Versuch jetzt alles in eine politische korrekte Sprache zu bringen mit x Sternchen und so was, also seit einigen Jahren gibt es anerkannter Masen das dritte Geschlecht, dass möchte jetzt bitte Sprache werden. Also ich freue mich schon auf die Monstern die dann entstehen.

Was halten Sie von diese Sprachprozesse?
Ich finde diese identitistische Problematik schwachsinnig. Ich finde auch die ganze kulturelle Aneignungsdebatte, also nur ein Schwarzer darf über Schwarzen reden, nur Schwul über Schwüle also so ein Blödsinn. Ich halte es für völlige Verrenkung und Verdenkung. Also da ist etwas Bösartiges unterwegs und ich glaube dass die Dinge noch lange nicht zu Ende gekommen sind. Es wird noch weiter gehen.

Glauben Sie, dass es noch eskalieren wird
Eskalieren ja, man muss aber gegenhalten und dass machen wir auch.

Giorgio Agamben © Monica Ferrando

Giorgio Agamben © Monica Ferrando

Geben Sie uns ein paar Highlights des kommenden Festivals
Also aus Italien zum Beispiel haben wir Giorgio Agamben und Patrizia Cavalli, und das freut uns sehr. Patrizia wird an der Eröffnungsveranstaltung von 14 Juni teilnehmen, die Weltklang heißt. Das Prinzip ist dass neun Dichter aus verschiedenen Ländern ihre Gedichte in den jeweiligen Muttersprachen lesen, ohne Übersetzung. Da sind dann die big names wie Rainer René Mueller aus Deutschland, Eileen Myles USA, Marion Poschmann, Fatemeh Shams Iran/USA, Keston Sutherland, Großbritannien und Xi Chuan aus China. Insgesamt sind es über 60 Veranstaltungen von 14 bis 20 Juni aufgeteilt.

Wenn sie an die früheren Ausgaben denken, gibt es einen Namen vorüber Sie besonders stolz sind?
Wir hatten zweimal Derek Walcott. Wir hatten Lawrence Ferlinghetti und noch früher, in den Neunziger, Allen Ginsberg. Da gab es das Festival noch nicht, es war bei der langen Nacht der Lyrik. Und Herta Müller war auch einmal da.

Yugen Blakrok © Christopher Terhart

Yugen Blakrok © Christopher Terhart

Was bedeutet es für einen Dichter auf dem „Festival der Poesie Berlin“ aufzutreten? Ist das Festival ein Türöffner?
Also das Poesiefestival ist ja das eine, dann gibt es die Lyrik-line, mittlerweile das weltgrößte Archiv für Zeitgenössische Dichtung, wo über 1.300 Dichter in über 80 Sprachen zu lesen und zu hören sind. Und da sind über 18.000 Übersetzungen eingestellt. Also für jeden Dichter ist es irgendwie so ein Ritterschlag da rein zu kommen. Damit explodiert man weltweit bei alle möglichen Verleger, Veranstalter oder Übersetzter. Dann findet man die Auftritte beim Festival auf die Biografien der Dichter, also es ist schon wichtig dabei zu sein.

Claudio Pozzani © Dino Ignani

Claudio Pozzani © Dino Ignani

Am 6 Juni startet das „International Poesie Festival“ von Genua der dieses Jahr seinen 25 Jubiläum feiert. Wollen sie etwas an den Direktor Claudio Pozzani sagen?
Lieber Claudio, wenn wir anfangen bist du schon fertig. Ich wünsch dir alles Gute, viel Erfolg, begeisterte Leute und viel Mut den Dichtern die daran teilnehmen. Wenn du fertig bist dann kannst du überlegen ob du dich vielleicht beim „Poesifestival Berlin“ erholen willst. Steig in dem Flugzeug ein, komm her, sitzt in die erste Reihe und genieße es.

Robert Hulkbeck

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