Ferragosto

Ferragosto

Traditionen haben einen ambivalenten Geschmack, gerade für jemanden, der nicht in eine Kultur hineingeboren ist, sondern erst später hinzugeworfen wurde. Es war eine harte Woche. Schon das Wochenende zuvor begann sich eine Leere auszubreiten, die von Tag zu Tag mehr um sich griff, wie wenn Sand ins Getriebe gerät und die Maschine anfängt zu stottern. Dann ist am 15. August “Ferragosto” und alles steht still. Gefühlt sind drei von vier Bäckern im Urlaub, neun von zehn Bars haben zu, der rote Supermarkt Coop schreibt “Chiuso per scelta (mit Absicht geschlossen). Auch wenn die IHK optimistisch tönt, immerhin hätte doch die Hälfte der Geschäfte geöffnet, suggeriert die Wahrnehmung einen Ausnahmezustand.

Berg Terminillo © il Deutsch-Italia

Berg Terminillo © il Deutsch-Italia

Alle sind am Meer oder in den Bergen. Zurück bleiben nur arme Hunde und Touristen. Den Brauch nach der Ernte und vor der Weinlese zu rasten, gibt es schon seit den römischen “Ferien des Augustus”, aber auch später war es üblich, dass die Bauern an den heißesten Sommertagen beim padrone vorstellig wurden und ein Taschengeld kassierten, das sie umgehend auf den Kopf hauen konnten. Zu Zeiten des Faschismus wurden an Ferragosto Ausflugsprogramme zum Spartarif entwickelt, Ein- oder Drei-Tagesreisen per Zug. Seitdem ist der Zug in die Ferne geblieben.

Ob man an Tradiertem festhalten sollte oder nicht, gilt es immer neu zu entscheiden. Wo die Römer einst auf der Piazza della Signoria mitten in Florenz die Kloake eingerichtet hatten, steht heute das Geschäft Chanel. Was man durchaus als eine Entwicklung begreifen kann.

Das Gute an Ferragosto ist, dass man Zeit hat und Gedanken ziellos mäandern können, die einem sonst nicht mal die Außenhirnrinde streifen. So fiel mir zum Beispiel ins Auge, dass die palazzi der Frührenaissance, wie der der Strozzi oder Medici Riccardi, eine umlaufende steinerne Sitzbank haben. Warum das? Damit die Pferdewagen nicht an den Mauern entlang schrammen? Nicht nur. Diese panche di via (Straßenbänke) waren Sitzgelegenheiten für Fragende, Geschäftskunden, Bittsteller, die vor den Residenzen der einflussreichen Familien warteten. Nun gibt es zweifellos ein schönes und prestigeförderndes Bild ab, Wartende adrett aufzureihen wie Perlen auf einer Schnur. Auch lässt sich Jahrhunderte später auf den Bänken immer noch gut pizza und gelato essen. Trotzdem wunderte mich die Aufmerksamkeit, die damals den anderen geschenkt wurde. Palazzo Pitti, der großteils Mitte des 16. Jahrhunderts fertig gestellt wurde, hatte schon keine panca di via mehr. Aber ist das wichtig?

Firenze © Damiano Meo

Firenze © Damiano Meo

Dieser Tage sprang mir oftmals ins Auge, wie tief unsere Gesellschaft gespalten ist. In Florenz und der Toskana ist sie das seit Jahrhunderten, also dem Empfinden nach schon immer: das republikanisch gesinnte Volk in ständigem Kampf mit oligarchischen Strukturen und Fürsten, die noblen Familien gegen die konkurrierenden Nachbarn. Unversöhnliche Pole quer durch alle Gesellschaftsschichten, siehe Guelfen und Ghibellinen. Wie haben es die Florentiner nur geschafft, trotzdem zu überdauern und dazu noch die Renaissance hervorzubringen?

Vielleicht ist mit ein Grund, dass sie bei allen Feindbildern immer einen ebenso starken Sinn für Gemeinschaft entwickelten, der sich aus der Tradition nährte. Die Einwohner der florentinischen Republik des 14. und 15. Jahrhunderts waren an den Ort (quartiere) und die Stände (arti) gekettet, was ein doppelt verankertes Selbstbewusstsein mit sich brachte. In Traditionen wie nicht zuletzt dem kollektiven Exodus an Ferragosto hallt dieses Bewusstsein bis heute nach. Der Kluge könnte wieder eine Sitzbank ums Haus zu bauen und mit etwas Muße manche Lehre (mit h) aus der Leere ziehen.

 

www.florenz-toskana-tipps.de

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Ferragosto. Eine Nachlese

Youtube © Barbara de Mars

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