© il Deutsch-Italia

Im Fernzug von Verona Richtung Deutschland muffelt es nach vergangenen Bremsspuren. Der Zug besteht aus Großraumwägen mit offenen Vierer-Sitzgruppen und altmodisch viel Raum. Jetzt wird die Strecke von der Österreicherischen Bahn betrieben. Es gab schon schlechtere Zeiten, verdreckte Abteile und Klos und schmieriges Personal, bei dem man sich fragte, ob es möglichst unfreundlich gecastet wurde von Trenitalia.

Ein Paar jenseits der Sechzig vergleicht kurz die Fahrkarte:”Platz 79, 80. Hier ist es” und nimmt am Fenster auf der anderen Seite des Gangs Platz. Der Herr in adrett frisierten weißen Locken und kariertem Jacket beginnt eine Brotzeit auszupacken. Die Dame mit goldberingten Fingern und blauweiß gestreiftem Pulli hängt ihren pelzbesetzter Mantel an einen Haken in Kopfhöhe, streift die Schuhe ab und streckt die nylonbestrumpften Füße in meine Richtung. Der Geruch von Käse macht sich breit. Der Herr packt eine bereits angebrochenen Flasche Rotwein aus und gießt ihn in zwei Plastikbecher.

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“Grad schön war’s wieder”, sagt sie. – “Wie immer”, sagt er, “zeig doch mal die Fotos.” Die Dame dirigiert mit dem Zeigefinger auf dem Display des Handys und reicht es ihm. “Wo ist denn die Pressa Ohla?,” fragt sie dann. – “Die wolltest du doch nicht, Hasi.” – “Jetzt will ich sie aber.”

Der Herr beginnt im Rucksack zu suchen und legt Süddeutsche und FAZ auf den Sitz neben sich.

Ein junger Mann Anfang Dreißig, bedrucktes T-shirt unter legerer Jacke und Jeans, mit dunklem Kurzhaarschnitt und sorgfältig getrimmten Vollbart bleibt stehen, sieht auf seine Fahrkarte, dann zur Reservierungsleiste über den Sitzen, zögert einen Moment und macht Anstalten, sich neben die Dame zu setzen. Die packt mit einer kleinen, unwilligen Bewegung die Füße wieder in die Schuhe und lupft ihre Habseligkeiten zu sich heran. Der Herr hebt das Glas:”Auf uns, Hasi.” – ”Salute”. Der junge Mann nimmt Platz, packt einen Laptop aus und legt ihn auf den Knien ab, da der Tisch vor ihm mit dem Essen der Nachbarn belegt ist. Dann sucht er eine Buchse für den Stecker des PCs und findet sie unter dem Tisch. “Scusi” sagt er leise und hält den Stecker in die Höhe um zu zeigen, dass er an den Anschluss möchte.  “Bitte,” sagt die Stimme der Dame. Über ihr Gesicht weht ein belästigter Ausdruck.

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In diesem Moment tritt ein weiterer Mann neben die Sitzgruppe, sieht auf seine Fahrkarte und vergleicht die Platznummern. Eine Augenbraue schnellt in die Höhe. Er ist mittelalt und wirkt abgehetzt, seine Kleider sind zu eng für den Körper, der überall unter dem Stoff hervorquillt. Die schütteren Haare kleben verschwitzt an den Schläfen. Er tauscht einen Blick mit dem jungen Mann gegenüber und deutet auf die Zeitungen auf dem Sitz. Der weißgewellte Herr nimmt die Lektüre an sich, während der andere sich schwer und wortlos fallen lässt, aus der Brusttasche sein Smartphone zieht und mit tapsig großem Zeigefinger auf die Anzeigefläche zu tippen beginnt. Die beiden Männer arrangieren die Beine seitwärts, um mehr Platz zu finden. “’Sti crucchi, il posto è mica solo loro,” sagt der Mittelalte zum jungen Mann. Der sieht kurz auf, erwidert aber nichts. Der Mittelalte tut so, als habe er zu sich selbst gesprochen und wendet sich wieder dem Smartphone zu.

“Endlich, wir fahren,” seufzt die Dame. – “Nein, Hasi. Der Zug auf dem Nachbargleis fährt. Wir noch nicht,” sagt der gewellte Herr, greift wahllos zu einer Zeitung und blättert sie auf, dass er hinter ihr verschwindet. “Wusst ichs doch”, tönt kurze Zeit später die Dame über die Papierwand:“Da auf dem Titel steht: ‘Italien im Chaos’. Hast du den Artikel schon gelesen?” – “’Italien hat eine neue Regierung’, steht da.” – “Das ist doch dasselbe.”

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In diesem Augenblick ruckt der Zug sacht und fährt los. “Fast pünktlich”, sagt die Dame. Der Schaffner tritt hinzu:”Die Fahrkarten bitte. I biglietti per favore.” Der junge und der mittelalte geben dem Mann in Uniform ihre Tickets. Auch die beiden älteren Herrschaften reichen nach einigem Suchen dem Uniformierten die Fahrkarten. “Sie sind hier falsch,” sagt der zu dem älteren Paar. “Das kann nicht sein”, erwidert die Dame und blickt zu ihrem Mann. “Platz 79 und 80. Das ist hier.” – “Die Nummern sind richtig. Aber im nächsten Wagen.”  – “Cosa succede?”, so der Mittelalte neugierig zum Angestellten. – “Niente. I signori hanno sbagliato carrozza.” – “Bene”, über das verschwitzte Gesicht huscht ein Lächeln. “Stavano sul cazzo.” Der weißgewellte Herr neben ihm beginnt mit zittrigen Händen die Sachen zusammenzupacken. “Momento”, mischt sich der junge Mann halb zum Angestellten gewandt ein: “Due posti qui sono liberi. Possono rimanere, no?” Der Angesprochene zuckt die Schultern:”Fate come volete”, während der Mittelalte die Unterlippe schmollend einrollt. Der junge Mann macht dem Paar mit der Hand ein Zeichen sitzen zu bleiben. “Va bene. Stay, please.” Die Dame dreht nervös mit den Fingern der einen Hand die Ringe an der anderen und sagt zum Weißgewellten:”Wie gnädig er tut. Ich will hier nicht bleiben.” Die beiden stehen aus ihren Sitzen auf und zwängen sich an den Männern vorbei auf den Gang. Der Weißgewellte zum Schaffner:”Dove … Speisewagen?”

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© Barbara de Mars

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