© il Deutsch-Italia

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Eigentlich will ich nicht über den “caffè sospeso”, den “aufgeschobenen” oder – noch viel zauberhafter – “schwebenden” Kaffee reden, diese wundervolle neapolitanische Erfindung, dass man anstatt eines caffè dessen zwei bezahlt. Der andere ist für jemanden gedacht, den man weder kennt noch je sehen wird, der eines Tages diskret den barista (Barmann/-frau) fragen wird, ob wohl ein “caffè sospeso” für ihn da wäre. Und schon schwebt dieser zu ihm an die Theke. Schön ist der Brauch deshalb, weil er keine schale Dankbarkeit einfordert und dem Bedürftigen seine Würde lässt.

Dass der caffè – damit ist immer ein Tässchen Espresso gemeint – ein lebenswichtiges Grundnahrungsmittel, potentes Psychopharmakon und One-2-one, One-2-many, B-2-B und in jedem Fall ein soziales Premium Medium mit Echtzeitfaktor ist, hat sich mittlerweile ja zur Genüge herumgesprochen, selbst in Balderschwang und Wiedenborstel – oder gerade dort. Denn man soll nicht meinen, dass die Provinz dem Zeitgeist hinterher hinkt. Auch dort gehört der Espresso mittlerweile zum eingebürgerten Kulturgut.

George Clooney hat mit perfekt dosierten, legobunten, kinderleichten Kaffee-Kapseln die Geister allerdings ein bisschen verwirrt und von den wahren Werten des caffè abgelenkt. Die liegen nämlich weder in der perfekten Dosierung, noch in der Zusammensetzung der 800 vorhandenen Kaffeearomen, sondern in der Aufmerksamkeit, die der Lieblings-barista seinen Kunden angedeihen lässt. Mit etwas Glück schallt mir deshalb schon am Morgen ein “te pòssin‘ ammazzà” (soll dich der Teufel holen) entgegen, im römischen Dialekt ein Ausruf herzlicher Zuneigung. Und dann bereitet er für jeden Kunden den caffè nicht nur “espresso” (schnell), sondern “espressamente” (eigens) nach seinem oder ihrem Geschmack zu: corto, ristretto, lungo, doppio, macchiato caldo, macchiato freddo, marocchino, corretto und im schlimmsten Fall decaffeinato Da kommt George Clooney mit seinem Einheitsdöschen trotz strahlendem Lächeln nicht gegen an.

Bis jetzt habe ich es übrigens noch nicht erlebt, dass jemand einen “caffè sospeso” bezahlt oder konsumiert hätte. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht wahr wäre.

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Barbara de Mars: www.florenz-toskana-tipps.de

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Caffè espresso

mm

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