Karl Marx © il Deutsch-Italia
Karl Marx © il Deutsch-Italia

Dann ist es praktisch geschafft. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt ein Viertel der unsrigen. Darin liegt der Unterschied zwischen einer ausweglosen Situation und einer Lage, die hoffen läßt. Für Menschen, die aus eigener Entscheidung, oder weil sie Pech hatten, am Rande leben, gibt es die Sozialhilfe.
»Arbeit muß wieder gewürdigt und belohnt werden«, mahnte eines Tages der Kanzler. Nach dem Fall der Mauer und damit dem Wegfall der speziellen Vergünstigungen, die in diesem »Vorposten der freien Welt« gewährt wurden, sahen sich einige meiner Berliner Freunde mit über vierzig Jahren vor die Tatsache gestellt, eventuell ernsthaft arbeiten zu müssen.
Mit Jobs oder Teilzeitarbeit kann man die Sozialabgaben abrunden und sich sogar einmal im Jahr Ferien auf Ibiza leisten. Außer Wohngeld, das manchmal höher als die Miete selbst ist, wenn man mit jemandem zusammenwohnt oder einen Scheinvertrag abschließt (wenn es sein muß, entpuppen sich auch die Deutschen als Neapolitaner), Heizungs- und Essenszuschuß werden noch Gutscheine für Kleidung ausgegeben, pro Jahr zwei Paar Schuhe, alle zwei Jahre ein Mantel. Man muß aber keinen neuen kaufen, es geht auch second hand.
»Ich fliege im Urlaub nach Mallorca«, teilte mir eine Bekannte mit, von der ich wußte, daß sie mittellos war.
»Und wie machst du das?«
»Ich habe das Begräbnis meiner Mutter verkauft«, erklärte sie. Es war kein Witz. Das Sozialamt zahlte für die Beisetzung etwa fünftausend Mark. Sie hatte ein billigeres Bestattungsinstitut gefunden.
»„Das ist uns egal“, haben sie im Sozialamt gesagt, „bringen Sie uns einen Zahlungsbeleg, damit alles klar ist, und behalten Sie den Rest. “« Das tat sie, und ich versichere Ihnen, ich habe es nicht erfunden.
Auch wenn es für uns Italiener einen makabren Beigeschmack hat, am Sarg zu sparen und dafür ans Meer zu fahren, ist meine Berliner Freundin nur in Radetzkys Fußstapfen getreten, des alten Bekannten aus der Schulzeit. Der General war ein großer Spieler und weniger für den grünen Tisch als für das Schlachtfeld geschaffen; einem Bewunderer hatte er es zu verdanken, daß er seine Ehrenschulden begleichen konnte.
»Anstatt sich in der Kapuzinergruft als Nationalheld bestatten lassen, kommen Sie zu mir in mein Familiengrab«, schlug er ihm vor. Radetzky »verkaufte« seinen eigenen Leichnam, und der Käufer sonnte sich im Ruhm seines bedeutenden Sargnachbarn.
Auch wenn man nicht zu solchen Mitteln greift wie Radetzky und seine Nachfolgerin, auch wenn das Säckel jetzt fester zugeschnürt wird, unterstützt das Sozialamt in Berlin und im übrigen Deutschland all jene, die, aus eigener Entscheidung oder weil sie Pech hatten, nicht selbst für ihr Einkommen sorgen können. Es ist nicht lustig, aber auch nicht zu erniedrigend (denn es steht einem rechtlich zu), zumindest erscheint es mir weniger erniedrigend als eine Lohnausgleichskasse auf Lebenszeit oder als wenn man tausend Tricks anwenden muß, um eine fälsche Mindestrente für Invaliden zu erhalten, wozu man bei uns gezwungen ist.
Am Vorabend eines schwierigen Wahlkampfes mit mehr als ungewissem Ausgang ist es dem christdemokratischen Arbeitsminister Norbert Blüm gelungen, ein Projekt durchzusetzen, für das er jahrelang gekämpft hat, die Pflegeversicherung für etwa 1 800 000 Pflegebedürftige. Die Pflege eines alten Menschen, der sich nicht mehr selbst versorgen kann, oder einer Person, die einen schweren Unfall hatte oder sehr krank ist, kostet im Monat durchschnittlich bis zu 5000 Mark, und auch Wohlhabende können sich eine solche Ausgabe nicht über Jahre erlauben. Die Deutschen haben diese Sicherheit jetzt, aber mit zusätzlichen Kosten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die dazu auf einen freien Tag im Jahr verzichten müssen. Welche Regierung hätte schon den Mut gehabt, wenige Monate vor den Wahlen die Abgaben zu erhöhen? Diese neue Form der Fürsorge fand im Ausland natürlich wenig oder gar kein Interesse.
Das System steckt also voller Mängel und Ungerechtigkeiten, aber es sind weniger und nicht so schwere wie anderswo. Die Deutschen sind damit zwar nicht zufrieden, aber sie haben den anderen etwas voraus. Durch größtmögliches Entgegenkommen haben sie eine Gesellschaft geschaffen, die das genaue Gegenteil der unseren ist. Uns ist es gelungen, die Nachteile eines chaotischen kapitalistischen Systems mit den Mängeln sozialistischer Phrasen unter einen Hut zu bringen. Sie haben es geschafft, Martin Luther und Karl Marx, beide tüchtige Esser, an einen Tisch zu bringen. Und die Rechnung lassen sie jeweils den anderen zahlen. Sie können sie sich ja von der Firma oder dem Finanzamt erstatten lassen.

Print Friendly, PDF & Email
jav xxx
tube
mm

Auferstehung 2020

Vorheriger Artikel

Das könnte dir auch gefallen

Kommentare

Einen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.