Karl Marx © il Deutsch-Italia
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Man muß sich umschulen lassen und wird die ganze Zeit über bezahlt. Ein Beruf ist nicht für das ganze Leben. Wenn jemand einen bestimmten Beruf nicht mag, so wird dies respektiert. Ein Lastwagenfahrer, dem angeboten wurde, in Frankfurt einen Wagen der Müllabfuhr zu fahren, antwortete: »Ich mache doch keine Türkenarbeit.« Die Angestellten der städtischen Müllabfuhr in der Finanzhauptstadt sind zu 80 Prozent Türken. Er hatte Unrecht, aber Umschulungskurs und Unterstützung wurden weiterhin gezahlt.
Ein Arbeitsloser muß eine neue Stelle an einem anderen Ort annehmen; vom nördlichen Hamburg ins südliche München umzuziehen, ist, als würde man von einem Venezianer verlangen, in Palermo zu arbeiten. Diese Mobilität ist möglich, weil das System sie verlangt. Eine Wohnung zu finden wird nicht leicht sein, aber es ist nicht unmöglich wie bei uns. Und die Umzugskosten kann man von der Steuer absetzen.
Zahlt man die Miete nicht, wird man hinausgeworfen, aber man landet nicht wie in New York unter einer Brücke. Und der Hauseigentümer kann nicht einfach nach Gutdünken den Vertrag aufkündigen oder ohne triftigen Grund nicht verlängern. Er kann Eigenbedarf anmelden, aber das ist nicht unbedingt ein Kündigungsgrund. Wenn der Eigentümer oder einer seiner Familienangehörigen die Wohnung selbst braucht, kann er versuchen, in derselben Gegend eine ähnliche Wohnung zum gleichen Preis zu finden. Er macht keinen Verlust und keinen Gewinn, und tatsächlich wird auch das Recht des Mieters anerkannt, dort wohnen zu bleiben, wo er seit Jahren lebt und Erinnerungen und Gewohnheiten hat.
Erreicht man in der Grundschule keine befriedigende Durchschnittsnote, kann man nicht aufs Gymnasium gehen, sondern besucht die Berufsschule. Für bestimmte Studienfächer gibt es einen Numerus clausus, der je nach Abiturnote wirksam wird.
Die Noten reichen von eins bis fünf. Für einen Platz in Medizin braucht man eine Zwei. Da fragt man sich, warum eine schlechte Note in Latein oder Geschichte, die das Ergebnis auf eine Drei herunterdrückt, uns hindern soll, Zahnarzt oder Architekt zu werden. Aber so sind die Spielregeln, und die werden während des Spiels nicht geändert. Wer sich eine Privatschule leisten kann, kann das Handicap einer schlechten Note beim Übergang zum Gymnasium ausgleichen, oder man lernt schnell Italienisch und versucht, in Rom oder Neapel Medizin zu studieren.
Das Spiel ist hart, und manchmal kommt einem der Schiedsrichter entgegen, aber er pfeift keinen unverdienten Elfmeter. Und wenn wir die Besten sind, wenn der Atem langt und die Beine einen tragen, dann gewinnen wir. Man muß das Glück haben, in jungen Jahren keine Krise zu erleben, keine allzu heftige Liebe, keine Scheidung der Eltern, keine Krankheit, keinen Schicksalsschlag. Spielverlängerung wird nicht gewährt. Aber wir werden am Ende nicht mit einem wertlosen Diplom betrogen.

mm

Frohes Ostern allen Lesern

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