Draussen © il Deutsch-Italia
Draussen © il Deutsch-Italia

Es genügt nicht, wenn Sie sich der Feriendaten des Bundeslandes vergewissern, in dem Sie leben, ebenso müssen Sie die Ferien der anderen Länder bedenken, die Sie von der Seite her bedrängen und Ihnen auf dem Weg nach Süden auflauern. Wenn ich von Bonn, das im Süden von Nordrhein-Westfalen liegt, in Richtung Rom fahre, muß ich Helmut Kohls Rheinland-Pfalz durchqueren, das hessische Frankfurt umfahren und tief in Baden-Württemberg eintauchen, bis in die Schweiz. Es sind ja alle in der Schule und bei der Arbeit. Aber da fällt die Horde über mich herein, die von Norden kommt, aus Hamburg und Schleswig-Holstein. Und wenn ich über den Brenner fahren will? Dann muß ich Berlin bedenken und die neuen Länder mit ihrem nach einem halben Jahrhundert der Mauer berechtigten Verlangen nach Ferien im Süden. Aber wie soll man sich auf Mecklenburg und Vorpommern besinnen, das weitab in Richtung Masurische Seen liegt, wenn ich am Ufer des Rheins meine Koffer packe, wo man fast die fröhlichen Klänge des Cancan am Pigalle hören kann, wenn man die Ohren spitzt und der Wind günstig steht?

Plötzlich sind die Belgier da, die man schon vergessen hatte und die einem ihre demokratische Überlegenheit beweisen wollen, denn bei ihnen konnte man sich früher ohne Führerschein ans Steuer setzen (diese Freiheit wurde von herzlosen EG-Vorschriften unterbunden), oder die Holländer, deren Wohnwagen wie dicke Fellini-Frauen daherkommen, schwankend wie die Wagen im Wilden Westen, einer hinter dem anderen, langsam und unüberwindlich und aus Angst vor einem Hinterhalt der Sioux dicht beieinander.

Sie können klug sein und Vorsorgen, Sie können zwei Tage früher oder achtundvierzig Stunden später abreisen, im Morgengrauen oder nachts, nach dem Mittagessen oder bei Sonnenuntergang. Es nützt alles nichts. Früher oder später verschlingt Sie der Stau wie ein Ungeheuer. Und nicht nur am Kamener Kreuz. Heimtückisch wartet es am Kölner Ring auf Sie, den Tag für Tag mehr Autos befahren, als er aufnehmen kann, nach dem Motto: Solange sich etwas bewegt, passen zwei Autos auf den Platz von einem. Es muß nur jemand einen Schluckauf haben oder einen Augenblick lang müde sein oder plötzlich an der Möglichkeit zweifeln, daß dieses kinetische Wunder sich wiederholt, und schon haben wir den Stau.

Das Ungeheuer lauert zwischen Frankfurt und Basel oder zwischen Frankfurt und Nürnberg, zwischen Kassel und Frankfurt oder zwischen Hannover und Berlin. Am meisten wird jedoch die Strecke zwischen Hof, das an der früheren Grenze zwischen den beiden Deutschland liegt, und Leipzig und Berlin gefürchtet. Wenig befahren, als Deutschland noch geteilt war, muß dieser Weg jetzt unvorbereitet den Verkehr des großen Deutschland aufnehmen, und die alten maroden Autobahnen werden nun wieder hergerichtet; dafür nimmt man an die fünfzig Baustellen in Kauf. Hier bildete sich der Superstau, der größte Stau aller Zeiten, 172 Kilometer festsitzender Autos. Wer ihn erlebt hat, der kann erzählen, »ich war dabei«, wie die Veteranen von Stalingrad oder El-Alamein.

»Die Deutschen lieben den Stau«, verrät mir Horst Opachowski von der Universität Hamburg. Er ist weltweit der erste (und einzige?) Professor für Freizeit und versteht etwas davon. »Sie könnten ihn vermeiden, wenn sie wollten«, erklärt er, »aber sie fühlen sich im Stau sicher, er beweist ihnen, daß sie nicht allein sind, daß sie ihresgleichen haben. Diese erzwungene Unbeweglichkeit auf der Straße – nach einem Jahr Arbeit, vor dem Urlaub – kündigt an, daß die Zeit der Freiheit, des Meeres, der Wärme begonnen hat.« Das vertraute Opachowski nicht nur mir an, und man reagierte höhnisch auf seine Behauptungen, aber er sagt die Wahrheit. Auch die Wochenzeitschrift Neue Revue, die eine Meinungsumfrage durchgeführt hat, gesteht, wir würden das perverse Vergnügen des Staus suchen. Elf Millionen Deutsche würden dieses Gefühl lieben, daß nichts mehr geht, daß alles vollkommen bewegungslos ist. Edith Dreher, 37, meint, ein Grund dafür sei, daß alle, ob arm oder reich, im Stau gleich seien. Das Vergnügen kostet die Gemeinschaft vierundzwanzig Millionen Mark an Benzin und eine Milliarde Mark an Steuern und führt zur Emission von fünfzehn Millionen Tonnen giftiger Abgase.

mm

Willkommen zurück

Vorheriger Artikel

Deutschland hatte grüne Augen

Nächster Artikel

Das könnte dir auch gefallen

Kommentare

Einen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.