Die Deutschen sind nicht die perfekten Ungeheuer, für die wir sie halten. Vielleicht waren sie es nie. Fleißige Arbeiter? Sie haben die kürzeste Arbeitszeit der Welt, und außerdem werden sie am besten bezahlt. Arbeiten sie weniger als andere, sind aber qualifizierter? Das scheint nicht der Fall, wenn man ihre eigene Beurteilung und die steigenden Schwierigkeiten berücksichtigt, sich gegen internationale Konkurrenz zu behaupten. Deutsche Produkte sind, verglichen mit denen aus dem Ausland, immer weniger perfekt. Diese sind oft solider und billiger und behaupten sich besser auf dem Markt.

Ehrlich und korrekt? Im Bereich von Politik und Wirtschaft werden die Deutschen täglich von Skandalen erschüttert. Gewerkschaftsleute treiben Börsengeschäfte mit geheimen Informationen, anstatt sich um die Interessen der Arbeitnehmer zu kümmern.

Es gibt Schwarzarbeit und Steuerbetrug

Nicht einmal die Deutschen sind vollkommen, und deshalb kann man sie auch gern haben. Oder versuchen, sie gern zu haben. Auch in unserem Interesse. Wenn sie das Gefühl haben, daß man sie versteht und akzeptiert, werden die Deutschen zu wunderbaren Partnern, sei es auf europäischer Ebene oder im Schlafzimmer. Und sie haben Fähigkeiten, von denen sie und wir vorher selbst nichts wußten. Die Deutschen sind weder besser noch schlechter als ihr Ruf. Sie sind einfach nur anders. Es gibt in Europa kein unbekannteres Volk.

Die Deutschen von heute – dazu gehören auch die Kinder von 68, die heute oft schon Großeltern sind – haben ein halbes Jahrhundert lang die besondere Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich gezogen, die bereit ist, beim geringsten Anzeichen für einen Rückfall in die Übel das Nazismus Alarm zu schlagen. Man staunt, daß die Deutschen zutiefst pazifistisch sind, skrupulös auf die Demokratie achten, daß sie ihre besseren Tugenden von früher wiederentdeckt haben und sich heute von moderneren und viel weniger gefährlichen Lastern hinreißen lassen.

Die Deutschen wollen geliebt werden. Kein anderes Volk kümmert sich mit solcher Besessenheit um die Frage, was man im Ausland von ihm denkt. Zeitungen zitieren mit masochistischer Genauigkeit Artikel über den »häßlichen Deutschen«, die in New York. Paris und London geschrieben werden. Warum urteilt das Ausland so negativ über uns? Was können wir tun, um unser Image zu verbessern? fragen sie sich mit rührender Verzweiflung. Versuchen wir, sie zu lieben, und sehen wir zu, was dann geschieht.

Die Deutschen haben eine liberalere Demokratie als die Amerikaner und das fortschrittlichste Sozialsystem der Welt, auch für solche, die von außerhalb kommen. Hier und da haben sie auch Fehler, aber weniger und auch weniger schlimme als ihre Partner. Sie sind die letzten, die an die europäischen Ideale glauben. Sie lehnen sich gegen die Eurokratie auf, sind zornig, daß sie mehr für ihre geliebten Bananen zahlen oder die Steuern erhöhen müssen, aber sie öffnen die Grenzen für alle. Sie weigern sich, französisches Bier zu trinken und italienische Würstchen zu essen, aber sie vertrauen uns ihre größten Orchester und den Wiederaufbau ihrer Hauptstadt an. Sie sind unorganisiert, chaotisch, ungenau, bequem und verschwenderisch, gerissen und laut, geschwätzig, eitel und unzuverlässig. Wie wir Italiener eben. Und ob ihnen dies zum Vorteil gereicht oder nicht, ist eine Frage des Geschmacks. Im Grunde liebt man einen Menschen wegen seiner Fehler, nicht wegen seiner Tugenden. In einem Witz heißt es, die Deutschen liebten uns Italiener, aber sie schätzten uns nicht. Wir schätzen sie, ohne sie zu lieben. Warum versuchen wir nicht, zu beweisen, daß diese Allgemeinplätze nicht stimmen? Fangen wir an, denn für uns ist es leichter als für sie.

mm

Europas helfende Hände

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