In Deutschland hat die italienische Küche in den letzten fünfzig Jahren geradezu einen Siegeszug angetreten. Die Anfänge jedoch waren sehr bescheiden und niemand hatte sich damals vorstellen können, dass „Spaghetti & Co.“ den deutschen Geschmack in solchen Umfang erobern würden. Die ersten italienischen Trattorie in Deutschland waren eine Initiative der „magliari“, sogenannt nach dem Film von Francesco Rosi (1959), der die Geschichte von Mario erzählt, der zunächst als Bergmann, später als Stoffverkäufer in Deutschland arbeitet. Die große Bewegung aber kam Anfang der sechziger Jahre, gleich nach dem Mauerbau in Berlin, als von heute auf morgen der Zustrom von ostdeutschen Arbeitern in die Bundesrepublik gestoppt wurde. Arbeitskräfte mussten nur woanders angeworben werden. Durch die Rekrutierung der Kommissionen in Verona und Neapel trafen sofort in großer Zahl italienische „Gastarbeiter“ ein, vor allem in den Industrieballungszentren Deutschlands. Einige von Ihnen eröffneten die ersten Trattorien oder kleine einfache Restaurants, die vorwiegend die Funktion eines Treffpunktes für die italienischen Gastarbeiter. Viele von diesen improvisierten Unternehmern ahnten bald, welchen enormen Chancen sich für die die italienische Küche auf dem gastronomischen Sektor böten. Heute lässt sich die Zahl der italienischen Restaurants in Deutschland nur schätzen. Nur in Berlin sind mindestens tausend, in ganz Deutschland bestimmt über zehntausand, Pseudo-Italiener nicht einbegriffen. Die enorme Verbreitung der italienischen Gastronomie in Deutschland hat die Essgewohnheiten der deutschen geändert. Heute wird in Deutschland mehr Wein denn je getrunken, und im Kindervokabular liegen die Worte Pizza und Spaghetti eindeutig vor „Kartoffel“ und „Wurst“. Das alles ist eine Revolution, die in keinem anderen europäischen Land anzutreffen ist, weder in sozialer noch in wirtschaftlicher Dimension. Die Gefahr für die Zukunft der italienischen Gastronomie in Deutschland kommt sowohl von den „Pseudo-Italiener“ aber auch von den Italienern selbst. Am Anfang war die Küche sehr einfach, „cucina casalinga“, schlichte, gute Hausfrauenküche die die Deutschen wunderbar gefunden haben. Aber im Laufe der Jahre machten viele italienische Restaurant Konzessionen an den lokalen Geschmack. Da kamen die „spaghetti carbonara“ mit Sahne, oder „spaghetti alle vongole“ auf Wunsch des Gastes mit Parmesan-Käse serviert und Pizza Margherita mit holländischem Käse, und so weiter. Heute viele Restaurant und Pizzerien sind in Besitz von Türken, Griechen oder Slowenen und in manchen Fällen auch von Deutschen. Die neuen Besitzer behalten gerne die italienische Attributen – allen voran den Namen und die italienische Fahne – denn ohne dies alles würde der Umsatz sicherlich geringer ausfallen. Kontrollen gibt’s kaum und auch die Aktivitäten des italienischen Verbandes „Ciao Italia“ sind praktisch ohne Wirkung geblieben und kaum vom deutschen Publikum wahrgenommen. Auch das Originalitätszeugnis des ehemaligen italienischen Agrarminister Allemanno (drei Gabeln Tricolore, eine Art TÜV für die italienischen Restaurants im Ausland) hat kaum geholfen, die Verbreitung der Pseudo-Italiener zu stoppen. Bis heute ist es niemandem gelungen die italienischen Gastronomen in einem Verband zu organisieren, wie es für die italienischen Eismacher schon von Anfang selbstverständlich war. Das hängt wahrscheinlich mit der Tatsache zusammen, dass die Eismacher aus dem Norden, die Gastronomen dagegen vorwiegen aus Süditalien stammen. Heute ist noch eine andere Gefahr hinzugekommen: die wachsende Konkurrenz von verschiedenen deutschen Ketten die mit dem Prinzip der Systemgastronomie versuchen die italienische Küche zu imitiert, teilweise mit beachtlichem Erfolg wie Vapiano e L’Osteria beweisen. Kein Zweifel, auch auf Grund der chaotischen Initiativen der Verbänden man hat den Eindruck, dass für die italienische Gastronomie in Deutschland der Zenit überschritten ist.

Zusammenfassung auf Deutsch von Irmgard Sellmann

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