Vom 17.-20.April war Berlin zum zweiten Mal nach dem letzten Sommer Gastgeber einer Konferenz von zwölf jungen Europäerinnen und Europäern, die bisher noch der Öffentlichkeit relativ unbekannt sind. Sie nennen sich “Who if not us?” (“Wer, wenn nicht wir?”), und seit der ersten Konferenz im Europäischen Zentrum nahe am Grunewald schreiben sie nun gemeinsam ein Buch. Die zwölf Autorinnen und Autoren kommen aus elf Ländern unseres Kontinents, sprechen englisch miteinander uns sprechen selbst verschiedene Sprachen. Sie schreiben über ein altmodisches Thema, Europa, und wenden sich an die Generation die in den achtzigern und neunzigern geboren wurde. Die Gründer der Gruppe, Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer haben sich die Generation genau angeschaut und verstanden, an welchem Punkt diese Generation sich selbst verloren hat – oder zumindest sich so fühlt.

Alles begann mit einer Reise von 13.000 Kilometern, die “Herr&Speer” vor etwa einem Jahr unternommen haben. Sie haben 14 Ländern besucht und mit etwa 200 Jugendlichen zwischen 18 und 36 Jahren. Von deutscher Seite aus wurden sie überrascht von der dermaßen düsteren Vorstellung, junge Europäerinnen und Europäer aus mediterranen Ländern für Europa zu begeistern. Das Bild sieht so aus: Hohe Jugendarbeitslosigkeit oder ungleich verteilte Arbeit, Desinteresse an Politik, Passivität, Fatalismus…

Heutige Jugendliche fühlen sich selten wie Akteure, mehr wie Opfer des Systems – Konzepte, die weit entfernt von einer Zukunftsvision liegen, die Jugendliche entwickeln dürfen, die geboren und aufgewachsen sind in der Lokomotive Europas. Was also tun? Das ist der Grund an dem die Gruppe angekommen ist und gemeinsam das Buch schreibt.

Aus dem kreativen Netzwerk, das entlang der Reise gewachsen ist, sind Synergieeffekte entstanden, die die Basis bilden von “Who if not us?”, was nicht nur der Name jener sechs Autorinnen und sechs Autoren der Gruppe ist, sondern auch der Buchtitel sein wird.

“Who if not us?” ist zunächst einmal die Geschichte einer lebhaften Entdeckung, nämlich die Angst, dass wir unsere Zukunft nicht selbst in den Händen halten. Ihr wird entgegengesetz ein kollektiver mächtiger Gesang, eine Gegenkraft, eine Hymne an den Mut, eine Reflektion, die das Bewusstsein aufbaut, das nichts in Stein gehauen ist, dass wir sehr wohl viel tun können um das zu verwandeln, was uns umgibt.

Ich bin Teil dieser Gruppe durch eine Kette von Zufällen. Ich bin in der Tat die Einzige, die Herr und Speer nicht während ihrer Reise getroffen haben sondern bin durch eine Freundin zu der Gruppe gekommen; von den vielen Italienerinnen und Italienern, die sie in Italien zwischen Bologna, Rom und Neapel getroffen haben, wollte niemand Teil der Gruppe werden, meistens aus dem Grund, dass sie Englisch als Hinderungsgrund empfanden. Das offenbart einiges, leider, von jenen Schwierigkeiten, die jungen Italienerinnen und Italienern überwinden müssen, wenn sie auf kontinentalem Niveau, und nicht nur auf nationalem, daran mitarbeiten möchten, zum Wandel beizutragen.

Es ist primär die Jugend des Mittelmeerraums, der das Buch etwas zu sagen haben wird, bar jedes belehrenden Tones, der scheinbar zunächst am Ende der ersten Konferenz erreicht worden war, und bereichert nun durch unsere persönlichen Erfahrungen, durch die Schwierigkeiten, die wir zwölf haben überwinden müssen, um uns wirklich gegenseitig zuzuhören. Wir sind stärker und europäischer denn je. Die Deutsche Oper, das berühmte Opernhaus Westberlins, das uns für drei intensive Arbeitstage aufgenomen hat, war jener Ort, an dem wir unseren Text erneut überarbeitet und von Grund aus verbessert haben.

Mit dem Hashtag #WhoifNotUs beginnt die Gruppe in diesen Tagen ihre Reise, sich bekannt zu machen auf Twitter (@w_i_n_u) und ein Crowdfunding für den Buchdruck zu initiieren, nachdem alle großen Verlage das Buchprojekt abgelehnt hatten, weil sie wenig Profit in dem Projekt sehen.

Diese Initiative zielt auf ganz anderes als Profit. Es geht um das Tun, um das Inspirieren, Verknüpfen, Reflektieren. Die Gruppe wird sich ein drittes Mal in Berlin treffen, diesen September – mit tausenden von Büchern in den Händen, um sie über den Kontinent zu verteilen. Wenn es den zwölf Mitgliedern der Gruppe gelingen kann, einige Tausende Individuen, verstreut über Europa, einzubeziehen, dann kann man erneut sagen, dass die Lokomotive des Wandels in Europa in Deutschland losgedampft ist, um eine ganze, internationale Generation zu begeistern. Das wünschen wir ihr.