Sie spielte nicht nur eine wichtige Rolle während der Euromaidan-Revolution, sondern leistet bis heute durch ihren engagierten zivilgesellschaftlichen Einsatz einen wichtigen Beitrag um die Lage im Land zu verbessern: Die ukrainische Jugend. Dennoch: In der Berichterstattung über den Ukrainekonflikt wird über vieles gesprochen, leider aber nicht über diese so wichtige Bevölkerungsgruppe. Durch dieses Versäumnis fehlt uns ein wichtiges Element, um die Ukrainekrise und ihre Auswirkungen auf Europe adäquat zu verstehen. Das sollte sich ändern.

AJKAuf einer Forschungsreise nach Lviv, Kiew und Charkow mit Unterstützung der Stiftung Mercator im Frühling diesen Jahres trafen wir, junge Menschen zwischen 20 und 35 Jahren und sprachen mit ihnen über Ihre Erfahrungen und Lebenssituation. Wir wollten unsere Generation kennenlernen und mehr über die Menschen herausfinden, von denen wir so wenig in unseren Medien hören. Auf unserer Reise trafen wir spannende, engagierte und interessierte Frauen und Männern, schlossen Freundschaften und erlebten ein Land im Ausnahmezustand und die Menschen mittendrin ersterhand. Drei Beobachtungen stachen dabei besonders ins Auge. Es liegt uns am Herzen diese Eindrücke zu teilen.

 Zum einen sehen sich viele junge Ukrainer als ein Teil einer gemeinsamen jungen europäischen Generation. Sie streben nach einem Leben, welches durch europäische Werte und Ideale geprägt ist, sind gut informiert über Nachrichten aus allen Teilen Europas und pflegen Freundschaften über Grenzen hinweg. Diese Westorientierung war auch einer der Auslöser für die im November 2013 aufflammenden Proteste nach der überraschenden Ankündigung der ukrainischen Regierung das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht zu unterzeichnen. Mittlerweile ist das Abkommen Wirklichkeit, die Lage im Land aber eher verschlimmert, denn verbessert. Die Enttäuschung der jungen ukrainischen Generation ist groß, auch gegenüber der EU. Eine große Anzahl unserer Gesprächpartner äußerte das Gefühl im Stich gelassen zu werden und sieht in der Zögerlichkeit des Westens einen Kontrast mit dem eigenen Interesse an der EU und ihren Werten. Hier zeigt sich großes Potential für intereuropäischen Austausch und Dialog, das aber aktuell nicht genutzt wird und im Sande verläuft.

 Zum anderen ist das politische und ehrenamtliche Engagement junger Ukrainer beeindruckend. Mit der Maidan Revolution hat sich nicht nur einDemonstration-Int-Frauentag-Lviv neuer Patriotismus entwickelt, der das Land zusammenrücken lies, sondern junge Menschen wurden sich erstmal bewusst,, dass auch sie Teil von tiefgreifenden Veränderungsprozessen sein können. Daraus hat sich eine solidarischer Gemeinschaft entwickelt, die ihres gleichen sucht. Eine junge Kellnerin in Kiew berichtete uns beispielsweise, dass sie am Abend, als mehre Dutzend Demonstranten auf dem Euromaidan erschossen wurden, ohne zu zögern zum Krankenhaus lief und eine Blutspende abgab. Dort fand sie eine hunderte Meter lange Schlage anderer Menschen vor, ebenfalls mit der Absicht, Blut zu spenden. Andere junge Menschen kochten Essen für die Demonstranten oder brachten Feuerholz in den kalten Winternächten. Diese Solidarität und Kreativität ist bis heute, wenn auch in abgeschwächter Form, vorhanden. Junge Menschen sind zentraler Teil eines eng verflochtenen Netzwerkes zivilgesellschaftlicher Akteure, welche durch freiwilligen Einsatz ihrem Land helfen möchten. Wir trafen auf junge Frauen, welche mit Geldboxen Spenden für die Soldaten im Osten sammelten, sahen Studenten Kleiderspenden auf den Marktplätzen sortieren, sprachen mit leidenschaftlichen Journalisten, welche unabhängige Online-Nachrichtenseiten aufbauen und betreiben. In Lviv und Charkow sahen wir eindrückliche Kunstwerke junger Künstler und Künstlerinnen, welche Erlebnisse der Revolution und des Krieges verarbeiteten und ihre Werke mit einer größere Öffentlichkeit teilten.

Unsere dritte Beobachtung ist eine der ganz persönlichen Art. Wir waren sehr bewegt von der Gastfreundlichkeit, welche uns in allen Teilen des Landes, im Westen, im Zentrum, als auch im Osten, begegnet ist. Trotz widrigsten Umstände, Krieg und wirtschaftlichem Niedergang, begegneten uns auf der Reise junge Ukrainer und Ukrainerinnen mit einem Maß an Warmherzigkeit, Selbstlosigkeit und Offenheit, wie wir es selten sahen. Eine breite Anzahl junger Menschen zeigte sich sehr interessiert an den Perspektiven und Ansichten von Reisenden und teilten gleichzeitig offen aus ihrem Leben und Erfahrungen mit uns. In Kunstateliers, Restaurants, bei Freunden zuhause oder auf öffentlichen Plätzen waren wir Teil eines bereichernden und berührenden Austausches von Ideen und Träumen.

LIJKJunge Menschen in der Ukraine, so ist das Fazit unserer Reise, haben verstärkt unsere Aufmerksamkeit verdient. Durch ihr Engagement und ihre Hilfsbereitschaft, sind sie sind nur ein wichtiger Faktor im aktuellen Ringen der Ukraine um ihre Souveränität und Identität, sondern haben auch das Potential den restlichen Kontinent mit ihrer solidarischen Haltung zur Gesellschaft und dem eigenen Leben zu bereichern. Wir sollten ihnen zuhören, denn wir können viel voneinander lernen.