Marlene_Dietrich_in_Morocco_trailerDas Wappentier von Berlin ist der Bär, der sich aus einem edlen Tier in einen Teddybären, ein Spielzeug für Touristen, verwandelt hat, ein Bärchen à la Walt Disney, aus Stoff oder Keramik. Aber für Viele bleibt das Emblem Berlins Marlene Dietrich im Blauen Engel, mit hoch geschwungenen Beinen und schwarzen Netzstrümpfen, während sie „ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ singt.

Früher oder später stellen Freunde und Unbekannte zwei Fragen: „Sind wir eine Metropole?“ und „Lieben Sie Berlin?“. Eine Antwort auf die erste Frage ist einfach. Ihr seid keine Metropole, solange ihr immer noch fragt, ob ihr eine seid. Die Berliner leiden an einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber anderen europäischen Großstädten, Paris, London, Rom oder Madrid. Historisch ist das verständlich, denn sie sind als Letzte dazugekommen, erst am Ende des 19.Jahrhunderts.

Sind wir eine Metropole? Die Berliner wollen sich messen mit London und doch die ländliche, ruhige Atmosphäre der jüngeren Vergangenheit bewahren, als die Stadt, zweigeteilt durch die Mauer, eine Art Insel war, belagert, aber doch auch verschont von den üblichen Problemen europäischer Großstädte, angefangen mit dem Verkehr. Auf dem breiten Kurfürstendamm werden die Privatautos in einen engen Korridor gezwungen und überall haben die unantastbaren Radfahrer Vorfahrt. Wer würde sich in Paris mit dem Fahrrad an den Arc de Triomphe trauen? Die Berliner verstehen nicht, dass man in einer Weltstadt nicht lebt, sondern überlebt.

Marlene-Dietrich-©-CC-BY-SA-4.0-Erasmo-de-Havilland

Es ist schwer, jemanden zu lieben, der sich selbst nicht liebt. Auf die Frage „Lieben Sie Berlin?“ antworte ich mit „Nein“. Und doch habe ich niemals so lange in einer Stadt gelebt und sogar im gleichen Haus wie hier. Ich liebe Berlin nicht, aber ich bin von Berlin fasziniert, beeile ich mich zu präzisieren. Berlin ist eine Diva, wie seine Ikone Marlene Dietrich in schwarzen Strümpfen, die freche Lola aus dem Blauen Engel. Man kann eine Diva nicht lieben, aber man ist fasziniert, verzaubert.

Es ist nicht die Schönheit, die eine Diva ausmacht. Die Faszination einer Greta Garbo, einer Marilyn Monroe oder eben einer Marlene Dietrich, die in Berlin begraben liegt und von ihren Landsleuten so wenig geliebt wurde, ist schwer zu erklären. Andere Frauen sind schöner, liebenswürdiger, verständnisvoller, aber sie werden niemals zu einer Diva werden. Wie andere Städte auch. In einigen fühlt man sich sofort zuhause, andere erschließen sich niemals ganz und du kommst doch nicht von ihnen los. Eine Diva kann man auch ohne Schminke sein, auch mit ein paar Falten, vielleicht sogar noch mehr, weil das ein Zeichen für gelebtes Leben ist, in einer mit Pailletten besetzten Abendrobe oder im Morgenrock, sogar mit schwarzen Strümpfen mit Laufmaschen, während man auf der Bühne im Scheinwerferlicht singt „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, oder während man in der Küche Bratkartoffeln für seine Liebhaber zubereitet, wie das Marlene getan hat.

Berlin ist schlampig, arrogant, hat eine raue, sanfte und entrückte Stimme, Berlin ist verführerisch und kalt, leidenschaftlich und zerstreut, unbequem und chaotisch, kindlich und mütterlich, elegant und immer in Unordnung. Berlin ist eine Frau, die dich nicht willkommen heißt und nicht loslässt, Berlin verführt dich und gibt sich nicht hin. Berlin ist eine unerträgliche Stadt, eine Frau, die nicht geliebt werden will und die man doch nicht vergessen kann. Berlin ist keine Metropole, Berlin soll man nicht lieben. Berlin ist eine Diva. Was immer auch das bedeuten mag.

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