Einem neuen Zeitgeist entgegen

© il Deutsch-Italia

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Jeder, der die Notwendigkeit verspürt hat, auf praktische Weise seine eigenen Auffassungen zu überprüfen, kennt den Unterschied zwischen einer Tätigkeit, die aus einer inneren Berufung ausgeführt wird und einer angelernten Tätigkeit. Die Möglichkeit, den Schutz der Umwelt und anderer Lebewesen an sich selbst zu erfahren, ist jetzt wichtiger als je zuvor.

In einem früheren Artikel haben wir eine Liste von Vorschlägen für Vegetarier und Veganer aufgestellt, die in Rom unterwegs sind. Jetzt möchte ich dieses Thema tiefgründiger behandeln und weniger touristisch. Italien und hier einige Gebiete im Besonderen, haben bekanntermaßen eine starke Anziehungskraft für die Europäer, die ein warmes Klima, eine einzigartige Landschaft und noch Unentdecktes suchen.

Seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben sich Gemeinschaften, Kooperativen oder auch nur einzelne Familien in besonders gastfreundlichen und gut besuchten Gegenden niedergelassen und integriert. Wir reden hier von Regionen wie der Toskana und Umbrien, die bekanntlich von Deutschen, Engländern und Holländern als neuer Ort zum Leben, Arbeiten oder auch nur zum Überwintern ausgewählt wurden, um dem rauen Klima zu Hause zu entgehen. Die Absicht, die hinter diesem Pioniergeist steht, war meistens der Wunsch, eine Idee oder einen Traum zu verwirklichen – oder ganz einfach nur ein Fluchtversuch.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bot Italien ja fast jungfräuliches Neuland für die industrielle Entwicklung in Europa. Heute ist vieles anders und möglicherweise ist der deutlich politisierte und spontane Antriebsgeist von einem anderem Ansatz und Bewusstsein ersetzt worden.

contadini

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Hier möchten wir dazu anregen, über die Schaffung und Erhaltung einer nachhaltigen Beziehung zwischen dem Mensch und seinem Integrationsbedürfnis nachzudenken. Wir wollen die Angst, dass alles irgendwann ein Ende hat, austreiben. Wir können unser Ökosystem nicht als begrenzt betrachten. Es wäre unserer Meinung nach eine wenig konstruktive und auch selbstzerstörerische Betrachtung, die bestätigen würde, dass die Natur eine Ware wie jede andere sei, auf die man ohne Verantwortung zu übernehmen zugreifen könnte.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten für diejenigen, die sich dem Rhythmus des Stadtlebens nicht anpassen und das Leben in einer Bio-Landwirtschaft besser kennen lernen möchten. Wer Lust hat, ein anderes Italien kennenzulernen, weitab von den Routen der Reiseveranstalter, nervigen Bahnhöfen und chaotischem Straßenverkehr, dem können wir eine einfache Lösung für Jedermann bieten.

frutta e verdura

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Die einfachste, schnellste und wahrscheinlich kurzfristigste Art ist, sich als freiwilliger Mitarbeiter in einem Betrieb zu bewerben und so gleich in die rurale Arbeitswelt einzutauchen. Hierzu dient die Webseite der „wwoof“ (world wide opportunities on organic farms). Es handelt sich hierbei um eine weltweite Organisation für die Vermittlung zwischen nicht gelernten Freiwilligen und Arbeitsmöglichkeiten bei Agrarprojekten. Hier kann man Einrichtungen finden, die einen Bio-Ansatz haben und die Beziehung zwischen Mensch und Natur besonders beachten. Es ist sicherlich eine wunderbare Gelegenheit, unvergleichliche Erfahrungen in diesem Gebiet zu sammeln.

Die Einrichtungen, die die Freiwilligen in ganz Italien aufnehmen, verlangen nicht einfach den Arbeitseinsatz, sondern nehmen Menschen auf, die diesen Weg bewusst gehen und Ihre Erfahrungen teilen möchten.

Jedes Unternehmen bietet sich dem Bewerber mit ihren besonderen Eigenheiten an: z.B. die geografische Lage, die Art des Anbaus und die Aktivitäten, die die jeweilige Saison erfordert.

frutta e verdura

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Es gibt so derartig viele Möglichkeiten, dass es praktisch unmöglich ist, keine für seine eigenen Vorstellungen passende Unterkunft zu finden. Die meisten dieser Unternehmen sind kleine und mittlere Betriebe, manchmal Familienbetriebe. Der Freiwillige wird deshalb oft als Familienmitglied behandelt. Aus diesem Grund ist Empathie entscheidend für die erfolgreiche Zusammenarbeit.

In die Welt der Möglichkeiten einzutreten und wahre geheime Schätze zu entdecken, ist sehr einfach und auch kostengünstig. Man muss nur einen kleinen Mitgliedsbeitrag zahlen, um die Liste der Kontakte zu erhalten.

Diese Möglichkeit empfiehlt sich vor allem für diejenigen, die aktiv und abenteuerlustig sind und ein anderes Land und eine Arbeitswelt gut kennen lernen möchten, von denen sie vielleicht bisher nur gelesen oder gehört haben.  Auch die bekannten Reisenden des 19. Jahrhunderts waren von der Farbe, dem Geschmack, den Gerüchen und Tönen eines den eigenen Bewohnern noch unbekannten Landes fasziniert. Dieses Land scheint nun zum Glück aus der Taubheit zu erwachen, in der es sich in den letzten Jahren befand.

Für weitere Informationen verweisen wir auf die Webseite.

contadini

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Im Trend der immer weiteren Entstehung von ökologisch nachhaltigen und verantwortungsbewussten Betrieben, entsteht in Italien derzeit eine neue Projektidee. Wir reden hier von Gemeinschaften, die sich um die Rückgewinnung des öffentliches Landbesitzes bemühen, der häufig unbeachtet brach liegt und neue Arbeits- und Planungsmöglichkeiten bietet.

Dieser Ansatz von Kooperativen und Vereinigungen zielt auf eine Umverteilung des landwirtschaftlichen Bodens für soziale und arbeitsschaffende Zwecke ab.

Das Fehlen einer Landwirtschaftspolitik im Sinne von Wiederaufwertung und Förderung der Landwirtschaft, die in Italien traditionell immer von großer Bedeutung war, hat eine Generation von jungen Menschen hervorgebracht, die sich des einzigarten Potenzials dieses Wirtschaftszweiges bewußt sind und bereit sind, sich dort die Ärmel hochzukrempeln, wo die Politik häufig unachtsam war.

Hierzu sind viele Ausbildungsmöglichkeiten entstanden: z.B Coltiva il tuo futuro” (“Baue an deiner Zukunft”), eine Iniziative der “Cooperativa Agricola Co.r.ag.gio” in der Region Latium. Diese landwirtschaftliche Kooperative engagiert sich seit Jahren dafür, dass den neuen jungen Landwirten öffentliche Parzellen abgetreten werden, um so die geschaffene Kluft zwischen Volk und Land zu schließen. Hierbei bedient sie sich auch der Zuweisung von Agrarland zu staatlich festgelegter Pacht. Seminare, Praktika und Stages sind in Italien bei bereits bestehenden Betrieben möglich.

frutta e verdura

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Das Landwirtschaftsnetzwerk Italien (Rete Rurale Nazionale) steht für das Programm, mit dem Italien bei dem großen EU-Projekt „RRE“ teilnimmt, das alle Initiativen im Bereich landwirtschaftlicher Entwicklung zusammenfaßt.

Abschließend möchten wir sagen, dass uns der Gedanke gefällt, dass heute – mehr als je zuvor- eine Trendwende absehbar ist in Bezug auf das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt, wobei sich dies nicht nur auf eine Flucht vor dem Großstadt-Chaos oder auf einen nostalgischen Moment beziehen soll.

Immer mehr junge Europäer scheinen sich der unvermeidlichen Notwendigkeit bewusst, diesen seit langer Zeit vernachlässigten Wirtschaftsbereich wiederbeleben zu wollen.

Ein Kurswechsel in Europa, der nicht mehr und nicht nur auf Wirtschaftsverpflichtungen aufgebaut wird, die von der Allgemeinheit oft als Abstrafung wahrgenommen werden, sondern ein Europa, das immer mehr einem neuen Zeitgeist entgegen geht, der das Gefühl von Millionen von Individuen widerspiegelt, die enttäuscht und sorgenvoll einer finsteren Zukunft entgegenschauen.

Übersetzung von Anette Rietz

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