mare © il Deutsch-Italia

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Geht es Ihnen auch so: man döst gedankenlos am Strand, da promeniert ein besonders gutaussehendes Exemplar geradewegs in Ihre Richtung. Reflexartig wollen Sie bella figura machen, Bauch rein, Muskeln tonisch, Brust raus. Da ist der Typ schon an Ihnen vorbei und wie eine Qualle im Sand lassen Sie jegliche Haltung fahren, dass die Fettröllchen hemmungslos über den Bikini quellen und sind mit einem Mal ganz entspannt ausschließlich Sie selbst. Genau in diesen idyllischen Momenten, wenn alle Wachsamkeit abfällt und man eins ist mit der Welt, schlägt gewöhnlich das Schicksal zu und man erhält einen Brief vom Finanzamt oder ähnliches.

In die sommerliche Entspannung platzte diesmal ein Schreiben der Wasserversorgung Publiacqua, die im Alleingang feststellte, dass ich (und mit mir das ganze Dorf, in dem ich lebe) seit 2009 Leistungen in Anspruch genommen hätte, für die ich gar nicht bezahlt hätte, worauf sie mir nun endlich den “gerechten Tarif” verpasst hätten und ich für die vergangenen Jahre Hunderte von Euri (das ist hier der Plural von Euro) nachzahlen müsste. Die Zahlungsfrist war bereits verstrichen, als der Brief ankam.

Wasser

Wasser

Ich lief zur Gemeinde, aber dort hieß es, der Staat hätte in Sachen Wasser gar nichts zu sagen. Was teilweise stimmt, denn obwohl “Publi” darauf steht, hält die Gemeinde an Publiacqua tatsächlich weniger als ein Prozent. Und doch ist die öffentliche Hand in der Aktiengesellschaft bis über die Ellbogen drin. So ist zum Beispiel die Stadt Rom unternehmerisch schwer engagiert, genauso weitere Gemeinden auf der anderen Seite von Florenz. Dazu noch französische Investoren und ein Herr Caltagirone, laut Forbes 2018 mit 2,4 Milliarden Dollar auf Platz 20 der reichsten Italiener – er war allerdings schon mal auf Platz 6. Natürlich trage ich gerne das Meine dazu bei, dass der Herr nicht noch weiter abrutscht!

Mächtig ohnmächtig © Barbara de Mars

Mächtig ohnmächtig © Barbara de Mars

Die italienischen Regierungen gleich welcher Couleur sind in den 90ern und 2000ern gerne auf den Zug der Privatisierungen aufgesprungen. Daneben wurden viele der, im Vergleich mit anderen Ländern ohnehin dünn gestreuten, Industrien Italiens ins Ausland verscherbelt. Böhringer Ingelheim war hier mal ein großer Arbeitgeber, der 400 Arbeitsplätze garantierte, bevor er umzog und den Firmensitz verkaufte. ABB sicherte sich die dynamische Firma Power One, die in Sachen Sonnenenergie unterwegs war und stellte schnurstracks 35 Arbeiter aus. Eine weitere Bombe platzte kürzlich am 22. Juni, als der niederländische Konzern Bekaert, der eine Pirelli-Tochter aufgekauft hatte, ohne Vorwarnung allen 318 Arbeitnehmern kündigte, weil er die Produktion ausschließlich in Billiglohnländern ausführen möchte. Die örtlichen Politiker hatten die Verkäufe zunächst alle abgenickt, weil sie dachten, sie hätten damit einige Probleme vom Hals. Erst als der worst case eintrat, merkten sie, dass sie keine Handhabe gegen Multinationale mit ausländischem Firmensitz mehr hatten. Mich wundert’s, wenn jemand sich wundert, dass die Leute Populisten wählen oder Rechte, die “Italy first” und dergleichen tönen.

Luigi Di Maio © il Deutsch-Italia

Luigi Di Maio © il Deutsch-Italia

Dieser Tage war Arbeitsminister Di Maio von den 5-Sternen bei den vor der Fabrik demonstrierenden Bekaert/Pirelli-Arbeitern und erklärte sich mit ihnen solidarisch. Die verheerende Verquickung von ökonomischen Interessen fremder Staaten oder Mächte mit einem kannibalisierenden – vormals territorialen, heute nur noch monetären – Appetit, sowie eine chronische Schwäche der regierenden Klassen (oder “Kaste”) und eine konstante Nichtbeteiligung des Volkes an der Macht, all das ist für Italien nichts Neues. Seit dem 15. Jahrhundert marschierten zuerst die Franzosen mit Karl VIII., danach Spanier und Österreicher in Italien ein oder durch. Darüber hinaus gab es noch die Katholische Kirche, die bei alldem kräftig mitmischte.

Einer, der über die Macht, deren Erwerb und Erhalt bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts ausführlich räsonnierte, war Machiavelli. Zuerst versuchte er sich in Analogien, studierte die Römer und deren Niedergang und kam dann zu dem Schluss, Florenz brauche vor allem ein eigenes Heer, um sich gegen Feinde von außen wirkungsvoller zu verteidigen, als mithilfe lascher und korrupter Söldnertruppen – “Florence first” sozusagen. Schließlich ließ sich die Stadt breitschlagen und Machiavelli durfte sein eigenes Heer ausheben. Früher oder später findet sich aber immer jemand, der stärker und mächtiger ist als man selbst und so erging es auch Machiavelli. Als die Medici zurückkamen, steckten sie ihn ins Bargello-Gefängnis, folterten ihn – aber nur ein bisschen – und schickten ihn dann in die Verbannung aufs Landhaus fünfzehn Kilometer vor die Stadt. Nach diesem Karriereknick schrieb Machiavelli den “Fürsten”, in dem er entwickelte, dass man die Menschen möglichst ohne idealistische (oder ideologische) rosa Brille für das nehmen solle, was sie seien: undankbar, eigensüchtig und schlecht, und darlegte, weshalb die Moral unbrauchbar für die Erlangung gesetzter Ziele sei. Machiavellis Fixierung auf den “Erfolg” als messbaren Wert lässt sich auf die heutige politischen Ebene sowie die Wirtschaft übertragen, wo im Grunde einzig Zahlen legitimiert sind Realität zu spiegeln.

Di Maio sagte bei seinem Besuch im Tal, ein Unternehmen habe auch soziale Verantwortung und wenn Firmen künftig in Italien investieren wollten, müssten sie sich dessen bewusst sein. Wollte man die Worte nicht als pure Lippenbekenntnisse abtun, steckt in “Verantwortung” ja auch eine “Antwort”, was besagt, dass es zunächst eine Frage gibt, die man mit einem Gegenüber gemeinsam hat und zu der man Stellung bezieht. Desweiteren beruht Verantwortung auf Gefühl und Bewusstsein und ist damit eben nicht quantifizierbar. Dafür gesteht Verantwortung dem Individuum große Freiheiten zu, besonders die, sich zugunsten anderer zu beschränken. Ob ich das mal Caltagirone und Konsorten von Publiacqua schreibe…?

 

www.florenz-toskana-tipps.de

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Mächtig ohnmächtig

© Youtube Barbara de Mars

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