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Piantravigne © Barbara de Mars

Heute sind Helden überholt. Sogar von mir. Jedes Mal, wenn ich einen der vielen Pässe hochfahre und vor mir in einer Haarnadelkurve ein Straßenradfahrer auftaucht, der – Schweissströme im hahnenkammroten Nacken – mit jedem Tritt von einer Seite der idealen Mitte auf die andere taumelt, während ich kurz den Fuß aufs Gaspedal drücke und ihn links überhole, ergreifen mich tiefes Mitgefühl und Staunen, warum ein Mensch sich so quält.

Ich lebe an einem Berg, der beinahe 1600 Meter hoch ist und etwas abseits der Apenninkette, dem Rückgrat Italiens, wie hingespuckt in der Landschaft liegt. Man vermutet hier keinen derart hohen Berg, weshalb einige kleinere Flugzeuge an ihm zerschellt sind, darunter der Australier Herbert Hinkler, der 1933 einen Ein-Mann-Rekordflug von London nach Australien plante und am Pratomagno kleben blieb. Anstatt über den Gipfel könnte man den Berg auch einfach unten umfahren, denke ich, aber das kommt für die Radamateure hier nicht in Betracht.

Piandisco © Barbara de Mars

Neben Fußball, Rennautos und Motorrädern ist Radfahren eine der populärsten Sportarten in Italien. Das bekommt man ab März auf den Landstraßen zu spüren, denn sobald die Rotzsäule nicht mehr unter der Nase gefriert, schwingen sich die Radbegeisterten in den – hoffentlich wenigstens gut gepolsterten (aber auch hier gibt’s Puristen) – Sattel, um nach einer langen Kette unterschiedlichster, aber immer masochistischer Selbstkasteiung endlich in Endorphinen zu duschen. Früher geißelten sich die Leute während des Passionszugs den Rücken blutig, heute schwingen sie sich aufs Rad. So viel Leidenschaft wirft unweigerlich die Frage nach dem “Warum nur?” auf die Straße.

Dass man auf dem Rad die Natur erfährt ist Humbug, denn ich erfahre nur schmerzende Knie und verhärtete Quadrizepsmuskeln, während die Natur an mir vorbeifliegt – sofern sie nicht im Auge oder dem nach Luft schnappenden Mund landet. Doch es heißt, Radfahren macht einen schönen Hintern und daran klammere ich mich, wenn ich wieder einmal eine Steigung vor mir sehe, bei der ich den Drahtesel am liebsten in den nebenliegenden Wassergraben befördern und per Anhalter nach Hause fliehen möchte. Aber da ist was dran. Als Radneuling wunderte ich mich zuerst, dass die an Muskelmasse doch so überlegenen Männer minutenlang in meinem Windschatten hinter mir klebten, anstatt triumphierend an mir vorbeizuziehen. Dann weihte mich ein erfahrener Mitsportler ein:”Guardano il culo(sie schauen auf den Arsch). Ach so. Jedem Esel seine Karotte.

Montemarciano © Barbara de Mars

Auch hier habe ich mittlerweile eine Lösung gefunden. Elementar wichtig beim Radsport ist in Italien die Kleidung um “bella figura” zu machen. Die muss professionell windschnittig wie Haifischhaut sein. Fährt man dagegen in weiten Bermudas und schlabbrigem T-shirt wird der visuelle Reiz beim Mann gar nicht erst ausgelöst. So kann es sich jeder einrichten wie er mag. Ein kleiner Tipp an dieser Stelle an die Männerwelt: weiße Radhosen sind immer durchsichtig und in jedem Fall ungünstig was Reize anbetrifft, glauben Sie es mir!

Aber zurück zu den Helden. Gerade eben erst ist der Giro d’Italia überstanden. Ob hier Helden stricto sensu zu finden sind, darf angesichts der Dopinglage bezweifelt werden. Andererseits würde kein Mensch mit gesundem Verstand an einem Tag drei Dolomitengipfel wie den Passo della Mauria, Passo Tre Croci oberhalb von Cortina und den Passo di Sant’Antonio freiwillig hochfahren. Und ähnliches dann einen Monat lang beinahe jeden Tag. Das geht nur unter Drogen. Bei uns hier im Dorf lebt ein ehemaliger Gewinner des Giro. Wenn er heute aufs Rad steigt, lässt er sich von seinem an der Leine mitgeführten Hund ziehen. Er weiß warum er jede Anstrengung vermeidet.

Coppi e Bartali nel 1940 © WC Flickr

Früher gab es noch Helden, wie in den 30er bis in die 50er Jahre Gino Bartali und Fausto Coppi, die Rivalen waren und zu Gegnern stilisiert wurden. Wegen Bartali begann der diesjährige Giro in Jerusalem. Der gläubige Katholik hatte während des Krieges in der Radstange unter dem Sattel Fotos und Ausweispapiere von Juden zwischen Florenz und Assisi hin- und hergeschmuggelt. An einem Tag ist er die, als Trainingsstrecke deklarierten, 180 Kilometer abgefahren, und das immer wieder. Gesprochen hat er zu Lebzeiten nie darüber. Sein Sohn hat alles erst nach Bartalis Tod publik gemacht.

Wahre Helden sind schweigsam und tragen kratzige Baumwollhemden. Wer sich doch einmal als einer fühlen möchte, kann dies am 7. Oktober tun, wenn in Gaiole im Chianti wieder das Radrennen “Eroica” stattfindet. Als Ausrüstung sind Vintageräder sowie Originalkleidung bis 1987 vorgeschrieben – bloß kein Elastan. Kleine Helden können auf Schotterstraßen über 44 Kilometer den Schlaglöchern nachspüren und Staub schlucken, während echte Kerle die gesamten 205 Profikilometer genießen.

 

Barbara de Mars: www.florenz-toskana-tipps.de

 

Wann Helden überholt sind

© Youtube Barbara de Mars

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