Santa Croce
Santa Croce © Barbara de Mars

 

 

Sergio-Marchionne-©-CC-BY-SA-3.0-Dgtmedia-Simone-WC © Mauro Scrobogna LaPresse

Sergio-Marchionne-©-CC-BY-SA-3.0-Dgtmedia-Simone-WC © Mauro Scrobogna LaPresse

Dieser Tage schlugen die Wellen hoch in den sozialen Meeren, die wieder mal erstaunliche Untiefen offenbarten: Fiat-Manager Sergio Marchionne lag im Sterben und es wurde erbittert gestritten, ob man angesichts seines Leidens nun Mitleid haben könne, solle oder müsse, mit einem neoliberalen Industrieboss, der tausende Existenzen vernichtet, unzählige Familien in Verzweiflung und Not gestürzt und Italiens wichtigste Industrie ins Ausland verschifft hatte. Dann war Marchionne tot und die einen schrieben Nachrufe auf einen Visionär, der es geschafft habe, auf der Welle der Globalisierung zu reiten und die anderen erinnerten, dass er die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter “umerziehen” wollte mit Motivationsreden und Postern von Weiden mit einer weißen Schafherde und dazwischen nur ein schwarzes. Die Arbeiter sollten lernen, dass sie das schwarze Schaf waren und unerwünscht.

Cimitero acattolico Roma © il Deutsch-Italia

Cimitero acattolico Roma © il Deutsch-Italia

Man begreift ein Land besser von den letzten Dingen her. Dementsprechend fühlte ich mich erst dann richtig in Italien angekommen, als ich von Freunden gebeten wurde, in ihrem Haus an der Totenwache eines Verwandten teilzunehmen. Mittlerweile habe ich das oft tun müssen, aber ich finde es erleichternd, wenn der Tod nicht vollständig tabuisiert wird und man ihn als dazugehörig behandelt. Letztes Jahr standen alle Anwesenden auf, als der Sarg eines Freundes nach der Zeremonie aus der Kirche getragen wurde und klatschten minutenlang Beifall, als Respektsbekundung nicht nur für das, was der Verstorbene im Leben geleistet hatte, sondern auch für seinen Charakter. Sollte er den Beifall irgendwo hören, wird er sich gefreut haben. Ansonsten hat er die Zurückbleibenden für kurze Zeit zusammengeschweißt.

Auch anderes habe ich anlässlich der letzten Dinge begriffen. Einmal kam ich ins Krankenhaus, wo die Toten in etlichen nebeneinander liegenden Verabschiedungszimmern aufgebahrt waren. Verwandte und Freunde säumten den Gang davor. Ich sah auf eine lange Reihe alter, gramgebeugter, weißhaariger, trauriger und betrübter Menschen, die in verhaltenem Tonfall und müden Gesten miteinander sprachen. Da kam ein Priester, kaum dreißig Jahre alt, beinahe zwei Meter groß, die Figur unter der Soutane sportlich und der Schritt elastisch wie ein Basketballspieler. Er war schwarz und fragte die Trauernden, ob er mit ihnen beten könne. Die Leute waren verwirrt und hatten Mühe, sich trösten zu lassen von einem, der so offensichtlich anders war als sie selbst und ihre Erwartungen. Ich fragte mich, was der Priester wohl fühlen mochte, als die Trauernden seinen Trost ablehnten und was die Trauernden dachten, als plötzlich die Rollen vertauscht waren und sie fragil und hilfsbedürftig waren und nicht der Afrikaner.

 tomba figlio di Goethe © il Deutsch-Italia

Tomba del figlio di Goethe © il Deutsch-Italia

Nun lebten Ausländer schon immer gerne in Italien und manche starben auch hier. Die Friedhöfe der “non cattolici”, zum Beispiel in Rom, wo “Goethes Sohn” begraben liegt (Goethe hat seinem Sohn selbst auf der Grabinschrift den Vornamen und damit eine vom Vater unabhängige Identität verweigert), oder auch der in Florenz sind besuchenswerte Sehenswürdigkeiten. In Florenz liegt der “Cimitero degli Inglesi” (der Englische Friedhof), der eigentlich ein Schweizer ist, im wahrsten Wortsinn verkehrsgünstig, nämlich als Insel mitten im schwer befahrenen Ringverkehr der Stadt. Die Florentiner haben ihre illustren Söhne (Töchter waren ja kaum dabei) mit Vorliebe in Santa Croce – dem Pantheon der Künstler – bestattet. Nur der vielleicht wichtigste Ableger der Stadt, Dante Alighieri, hat hier lediglich ein Scheingrab, denn Ravenna, wo er gestorben ist, wollte die Überreste des Exilierten nicht herausrücken. Vielleicht sieht die Dante-Statue vor der Kirche deshalb so grimmig drein?

Cimitero degli inglesi a Firenze© Barbara de Mars

Cimitero degli inglesi a Firenze © Barbara de Mars

Zum Thema Überreste noch folgende Geschichte: einmal saß ich an der Piazza Santa Felicita gleich in der Nähe des Ponte Vecchio und zwirbelte bei “Celestino” durchaus wohlschmeckende “Spaghetti ai frutti di mare”, als ich auf eine Amerikanerin am Nebentisch aufmerksam wurde, mit der ich schnell ins Gespräch kam. Sie nippte an ihrem Weißwein und rückte immer wieder eine Schachtel – kleiner als ein Schuhkarton – vor sich auf dem Tisch hin und her. Als sie sah, dass meine Augen darauf fielen sagte sie völlig unkompliziert: ”Da drin ist mein Mann. Er hat Florenz geliebt und ich habe ihm versprochen seine Asche in den Arno zu streuen. Sobald die Sonne untergeht mache ich das.” Mir rutschten glatt die Spaghetti von der Gabel.

 

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www.florenz-toskana-tipps.de

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Von den letzten Dinge

© Youtube Barbara de Mars

 

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