The Florence Experiment © Barbara de Mars

Manche Wörter der deutschen Sprache kennt man auf der ganzen Welt, weil sie den Nerv der Zeit, ein Lebensgefühl oder einen Zustand treffen: Waldsterben, Schadenfreude, Kindergarten, Weltschmerz. Im Zusammenwürfeln von Konzepten sind die Deutschen Weltmeister und finden für viele Schrauben die passende Mutter. Den Kern des Seins berühren solche Wortkonstrukte selten.

Das italienische Wörtchen Toh klingt wie ein Scheit Holz, das auf einen harten Cotto- oder Keramikboden fällt. “Ich bin schöner, größer, reicher, sexier, liebevoller als du. Toh!” Man könnte die Interjektion, die gewöhnlich am Ende eines Satzes steht, mit “Nimm das!” oder “Da hast du’s!übersetzen. „Toh“ ist die italienische Antwort auf den deutschen Zeitgeist, ein “en garde”, das dem Gesprächspartner den Fehdehandschuh ins Gesicht wirft, die größtmögliche Beziehung zum anderen auf kürzeste Distanz. „Toh“ ist die Festmacherleine, die beim Anlegemanöver vom Schiff aus um den Poller im Hafen gelegt wird und zwei freie Objekte, die sonst nichts miteinander zu tun hätten, verbindet.

Niemand sagt es so treffend wie der triestiner Dichter Umberto Saba:

Amai 

Amai trite parole che non uno
osava. M’incantò la rima fiore
amore,
la più antica, difficile del mondo.
Amai la verità che giace al fondo (…)

Ich liebte

Ich liebte abgegriffene Wörter, die keiner
wagte. Mich bezauberte der Reim fiore
amore,
der älteste, schwierigste auf der Welt.
Ich liebte die Wahrheit, die am Grunde ruht (…)

Stefano Mancuso © Barbara de Mars

Im Deutschen reimt sich “Blume” nie auf “Liebe” und das ist der Grund, warum die Nordländer auch weiterhin nach Italien pilgern werden, wenn sie mit der Hand nach dem Dasein greifen und mehr über die Beziehung des Ich zu dem, was uns umgibt, erfahren wollen. Auf der anderen Seite ist dem Italiener die objektivierende, techniklastige nordische Herangehensweise nützlich, so wie Albrecht Dürer der Renaissance neue Impulse gab.

Eine solche deutsch-italienische Symbiose kann man bis zum 26. August 2018 im Palazzo Strozzi in “The Florence Experiment” erleben. Der deutsche Künstler Carsten Höller baut seit den 90er Jahren seine Rutschen mal in Berlin, mal in London, Boston oder Mailand auf. Kunst soll involvieren, man soll sich ihr rutschend aussetzen und ergeben. Doch diesmal ist das noch nicht alles, denn die Installation zweier 20 Meter hoher Rutschen im Innenhof des Palazzo ist ein gigantisches Experiment: der Florentiner Wissenschaftler Stefano Mancuso forscht seit Jahrzehnten an Pflanzen und ihrem Innen- oder Seelenleben, ihrem Gedächtnis, ihrer Intelligenz und Kommunikation – um es mal mit menschlichen Parametern auszudrücken. Jetzt will er wissen, wie unsere

The Florence Experiment © Barbara de Mars

Emotionen auf Pflanzen wirken. Dafür hat er sich zwei Experimente ausgedacht. Ein Teil der Besucher rutscht mit einer umgeschnallten Bohnenpflanze, ein Teil ohne die Rinne hinunter. Gleich danach wird von Wissenschaftlern untersucht, ob unsere Emotionen auf das Pflänzchen wirken. Schon stehe ich oben an der Rutsche, mein Böhnchen vor den Magen geschnallt. Nach den ersten Metern auf glattem, graukaltem Untergrund geht es bergab – sehr! Das rechte Knie schlägt an die Rutschenwand, von Falllust keine Spur, sondern nackte Panik und kein Raum für Gedanken. Irgendwann während der rasenden Fahrt erinnere ich mich jedoch an die Pflanze und ein Beschützerinstinkt klammert sich in mir fest. Nach langen acht Sekunden bin ich unten, die freundliche Signorina schließt die Blätter des Böhnchens, ich gebe die jetzt schon vertraute Pflanze in die Hände der Wissenschaftler und setze mich mit immer noch weichen Knien dem zweiten Experiment aus: in zwei geschlossenen Glasboxen laufen Filmschnipsel – in einer komische, in der anderen Horrorszenen. Die Zuschauer sollen gelöste Heiterkeit oder Angst in die Luft abstrahlen, die angesaugt und zu Glyzinienpflanzen an der Fassade des Palazzo geleitet wird.

Palazzo Strozzi © Barbara de Mars

Gewagte Experimente, denn es ist nicht gesagt, dass unsere wissenschaftlichen Methoden irgendwelche Ergebnisse zeitigen. Es ist nur natürlich, dass neue und revolutionäre Thesen zur Interaktion von Pflanzen und Menschen ausgerechnet in Florenz stattfinden. Hier wurde 1657 die Accademia del Cimento, die erste Akademie Europas nach galileischem Vorbild gegründet. Ihr Leitsatz war: “provando e riprovando (probieren und wieder probieren). Die Kunst schafft der Wissenschaft den Freiraum zum Probieren und so sind im “Florence Experiment” Kunst und Wissenschaft wieder vereint – wie sie es einst in der Renaissance bei einem Brunelleschi oder Leonardo da Vinci waren. Eine spannende Symbiose aus deutschem Kunstsinn und italienischer Sinneskunst. Toh!

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Barbara de Mars: www.florenz-toskana-tipps.de

Toh, und der Zeitgeist: The Florence Experiment

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