Lange vor Entdeckung des Feinstaubs war die Luft ein guter Grund zum Verreisen. Künstler, Schriftsteller und andere zarte Geister oder wer es sich sonst leisten konnte reiste um der Luftveränderung willen, am liebsten natürlich Richtung Süden. Michelangelo, schrieb Giorgio Vasari zum Beispiel in den Künstlerbiografien, wollte von Rom nicht mehr nach Florenz zurück, weil er die Florentiner Luft nicht vertrug und zog es vor, weiter mit steifem Nacken an der Sixtinischen Kapelle zu malen. Goethes Wetterfühligkeit war auch hinlänglich bekannt. Dabei geht es nicht nur um ein meteorologisches Phänomen, die ganze Angelegenheit liegt tiefer, als ein warmer Sonnenstrahl zu dringen vermag. Es geht um Wesentliches.

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Mir scheint die Florentiner Luft immer griesig und gleichzeitig schneidend, sie definiert die Formen der Dinge. Das ist auch die Stärke der Florentiner, sie legen von allem das Wesen frei. Die römische Luft in den breiten Boulevards dagegen empfinde ich als weich und süßlich – was in einigen Fällen an den diskret gestapelten Abfalltüten am Straßenrand liegen mag. Der römische Dialekt hat sich der Luft in jedem Falle ausgezeichnet angepasst und die charakteristischen “ahò” und “bbono (buono)fließen dem Römer sahnig weich von den Lippen, hinter denen sonst die geliebten “Spaghetti alla carbonara” verschwinden. In Neapel ist mir dagegen, als hätte ich das Helium eines Luftballons eingeatmet, denn die Luft dort ist leicht wie nirgendwo sonst. Vielleicht liegts an der Brise, die vom Meer her weht. Aber die Sensation muss nicht für alle dieselbe sein. Sigmund Freud war ganz offensichtlich anderer Auffassung was Neapel anging, denn er mied den “Affenkäfig”, wie er die Stadt nannte, wo er nur konnte.

Nicht nur die Luft ist ein vernachlässigtes Thema beim Reisen, auch vom Licht spricht man nicht mehr allzuviel. Dabei gäbe es auch hierzu einiges zu sagen. Dass das südliche Licht die Lebensgeister weckt ist bekannt. Dies galt wahrscheinlich auch für die Habsburg-Lothringer Herrscher, die das Großherzogtum Toskana immerhin gute hundert Jahre regierten, was ja eine ganz schön lange Zeit ist. Deshalb scheint sie manchmal offensichtlich Heimweh geplagt zu haben, weshalb sie mitten in den Boboli-Gärten ein Kaffeehaus errichteten. Inmitten von bodenständigen Apfel- und Birnbäumen hat man von dort einen prächtigen Ausblick auf die Stadt am Arno und kann sich doch sehr zuhause fühlen. Die Habsburger gingen in ihrem Heimatgefühl so weit, dass sie dem Kaffeehaus einen – na sagen wir mal “besonderen” und in der Toskana bis dato unbekannten – grünen Anstrich verpassten, den die geschmackssicheren Italiener offensichtlich nicht einzuordnen wussten, weshalb sie die Farbe “verde lorena” (Lothringergrün) tauften und somit alle Verantwortung von sich wiesen. In der Tat mag das zarte Mintgrün gegen einen bleiernen nordischen Wolkenhimmel interessant und anregend wirken. In der Toskana, die vom flirrenden silbrig-grünen Olivenhain bis zum Grünschwarz der Zypressen bereits eine breite Palette an Grüns besitzt, wirkt das Lothringergrün gegen einen strahlend luftigblauen Himmel doch leicht irritierend.

Barbara de Mars: www.florenz-toskana-tipps.de

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