Ci spiace, ma questo articolo è disponibile soltanto in Tedesco. Per ragioni di convenienza del visitatore, il contenuto è mostrato sotto nella lingua alternativa. Puoi cliccare sul link per cambiare la lingua attiva.

© Barbara de Mars

Zuerst eine einfache Übung: vom Dom schlendere man die Via dei Servi entlang, bis sich die Straße in die Piazza della SS. Annunziata ergießt und lege dann bitte den Blick auf dem Ospedale degli Innocenti ab, das rechterhand ein paar Stufen erhöht liegt. So sah sozialer Wohnungsbau im 15. Jahrhundert aus: der eierschalenfarbene Putz und die graue Pietra Serena der korinthischen Säulen eines luftigen Bogengangs verbinden sich zu einem eleganten, leichten und ausgewogenen Ganzen. Nichts ist zu viel, nichts zu wenig. Die rührenden, runden Babyputten wurden nachträglich von Andrea della Robbia eingefügt. Filippo Brunelleschi hat hier das erste Findelhaus Europas entworfen. Mütter, die ihre Kinder nicht versorgen konnten, gaben sie in Obhut der Seidengilde. Drei Jahre nach Einweihung sorgte die Gilde für 260 Kinder, 1560 waren es 1320.

Szenenwechsel – und jetzt ein Blick auf die Uffizien. Dieselben Stilelemente, grauer Stein, die  kassettierte Decke der Loggia erinnert an Masaccios Trinità, wie auch der Vasarikorridor längs des Arno mit der Perspektive ein Glissando spielt. Vasari hat seine Hausaufgaben gemacht.

© Barbara de Mars

Keiner ist in Florenz so präsent wie er, der die Uffizien gebaut hat und natürlich den geheimen Korridor, der seinen Namen trägt und vom Palazzo Vecchio über den Ponte bis zur Herrscherresidenz Palazzo Pitti führt. Aus Anlass der Heirat von Cosimos Sohn Francesco mit Johanna von Österreich wurde der Korridor in nur fünf Monaten aus dem Boden und über die Dächer der damaligen Metzgerbuden vom Ponte Vecchio gestampft, damit die Herrscher nicht mit dem gemeinen Volk in Berührung kommen mussten. Man sieht es dem Gang an, dass er der Macht dient und nicht der Ästhetik. Innen gleicht der Korridor einem U-Bahnschacht. Technik, Stilelemente und Perspektive hatte Vasari drauf, allein es fehlt an Eleganz und Leichtigkeit und auch an “unnützer” Verspieltheit, die zum Beispiel der Domkuppel eigen ist. Für den Korridor musste in der Kirche Santa Felicita eine Kuppel Brunelleschis weichen, an der er das Kuppeln geübt hatte – was soll’s. Immerhin blieb Pontormos länderläufig bis heute verkanntes Meisterwerk der “Grablegung” ohne Grab in Santa Felicita erhalten. So kann man es noch kostenfrei besichtigen. Vasari hatte sich über Pontormo ausgelassen, er sei ein eigenbrötlerischer Sonderling. Da wusste er allerdings nicht, dass Pontormo Tagebuch geführt hat und erzählt, wie er fünf Mal pro Woche im Haus von Freunden speist. Die Zeitgenossen verkehrten offenbar in unterschiedlichen Kreisen.

© Barbara de Mars

Vasari hat die Domkuppel von Santa Maria del Fiore innen mit Fresken verziert, die mit Michelangelos Sixtinischer Kappelle konkurrieren wollten, aber so detailversessen sind, dass man aus der Entfernung nichts mehr erkennt. Er hat die Decke der „Sala dei 500“, den repräsentativen Saal im Palazzo Vecchio, erhöht und das mißglückte Schlachtengemälde Leonardo da Vincis übermalt. Giorgio Vasari hat auf 1300 Seiten die Biografien der wichtigsten Künstler von Cimabue bis Michelangelo und seiner Zeit verfasst. Alles gewiss verdienstvoll, aber damit hat er auch seine Version von Kunstverständnis durchgedrückt. Wenn die Touristen heute vor dem Palazzo Vecchio in Flocken die Davidkopie Michelangelos bestaunen und Donatellos Judith daneben geflissentlich übersehen, so sehen sie mit den Augen Vasaris.

© Barbara de Mars

Was war nun aber der Unterschied zwischen einem Filippo Brunelleschi, der die Kuppel ohne Tragegerüste entwarf, einem Maler wie Masaccio, der die Idee der Perspektive Brunelleschis in die Malerei übertrug und in der Trinità in Santa Maria Novella zum ersten Mal anwandte? Was verband die beiden mit einem Leonardo da Vinci, von dem Vasari schrieb, er würde leider nichts fertig bekommen? Und was unterschied diese alle von Vasari, dem großen Freund und Bewunderer Michelangelos?

Die Ermöglicher der Renaissance wie Poggio Bracciolini, Masaccio, Brunelleschi und später dann Leonardo oder Pontormo strebten nach Wissen und Erkenntnis. Sie huldigten der Freiheit und dem persönlichen Ausdruck und nahmen die Möglichkeit des Scheiterns in Kauf. Bei der Kuppel war es gut gegangen. Beim Gemälde Leonardos im “Saal der 500” nicht. Auch da Vincis “Letztes Abendmahl” in Mailand drohte durch zu viel Experimentieren zum Desaster zu zerfließen.

© Barbara de Mars

Vasari war ein gebürtiger Aretiner, welche von Dante in der “Göttlichen Komödie” als “knurrende Köter” bezeichnet wurden, womit er ihnen eine latente Aggressivität etwa in Wadenhöhe attestierte. Vasari scheute das Risiko und bevorzugte die Lehre (mit “h”), weshalb er die erste “Accademia delle Arti del Disegno” Europas gründete. Schüler sollten auf dem Stil der Meister aufbauen und ihn dann ein bisschen weiter entwickeln. Bloß nicht zu viel. Nicht wie ein Pontormo, der in flächiggrellen Pastellfarben aus immergleichen Gesichtern immer neue Gefühle herausschrie. Oder der im wahren Wortsinne exzentrische, also aus der Mitte gefallene, Rosso Fiorentino. Dabei kann nur wer sich von der Mitte fortbewegt die Ränder erforschen und den Sichtkreis erweitern. Vasari dagegen begriff Kunst und die “maniera” als fortlaufende Entwicklung einer Linie, da störten zu viel Individualität oder ausländische Einflüsse, zum Beispiel von Dürer, nur.

Wo eine Linie ist, muss auch ein Ziel sein, soweit waren sich Vasari und die Gegenreformation einig. Und so wurden Künstler wie Zuschauer auf die Linie des Fortschritts gebracht. Letztere drängen sich gestern wie heute in den Uffizien, um die Vergangenheit zu bestaunen, anstatt die Gegenwart zu begreifen oder die Zukunft zu entwerfen.

Barbara de Mars: www.florenz-toskana-tipps.de

.

Der Totengräber der Renaissance

© Youtube Barbara de Mars

Print Friendly, PDF & Email