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Johann-Wolfgang-von-Goethe

Johann-Wolfgang-von-Goethe

Ismen haben oft dogmatische Scheuklappen oder anderes Negatives, worauf man gern verzichtet, man denke an Fundamentalismus, Rassismus, Alkoholismus. Mit dem Tourismus ist es ähnlich, bezeichnet er doch den entpersönlichten Akt der Überschwemmung eines Landes mit Fremden zum Zweck der Erholung und Bespaßung. Der Tourismus entwickelte sich mit der industriellen Revolution, als Arbeit segmentiert und das Leben der Menschen aufgespalten wurde. Was den Leuten dadurch genommen wurde, konnten sie sich – so wurde ihnen suggeriert – nun mit Zinsen zurückholen: Bedürfnisse, die es vorher gar nicht gab, wurden kreiert, um dann befriedigt zu werden. Denn jetzt konnten sich alle leisten, was vorher nur ausgewählten Gruppen, wie der Aristokratie und dem wohlhabenden Bürgertum vorbehalten war. Die Fremde wurde konsumiert.

Die Reise in Italien

Zuhilfe kam der Tourismus-Industrie dabei die schreibende Zunft. Nehmen wir zum Beispiel Goethe, der Italien zwischen September 1786 bis Mai 1788 bereiste. In beinahe zwei Jahren sieht man ja so einiges und deshalb heißt es auch “Italienische Reise” und nicht “Urlaub”, obwohl er ihn damals nötig hatte, weil er kurz vor dem Burnout stand. Das Komische ist aber nicht die Reise, sondern dass er das Buch dazu erst dreißig Jahre später veröffentlichte. Und noch lustiger ist, dass die Leute es als “Reisehandbuch” kauften und auf seinen Spuren durch den Stiefel wandelten. Stellen Sie sich vor, jemand veröffentlichte heute einen Reiseführer über Italien, das er in den Achtziger Jahren mal besucht hat. Welchen Sinn würde sowas machen?

Obwohl, wenn man sich in den Medien umschaut, dann plappern diese seit vierzig Jahren auch die immergleichen Dinge nach, wie die Story des Metzgers im Chianti, bei dem man gegessen haben muss, auch wenn er seine Rinder in Spanien züchtet. Zum Florenz-Erlebnis gehört ein Blick vom Piazzale Michelangelo auf die Stadt, während eine Kurve weiter San Miniato al Monte zum Ausblick noch tausend Jahre Geschichte liefert. Was solls. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bekommt man in einem Artikel auch das zweihundert Jahre alte Mignon-Zitat vom “Land wo die Zitronen blühen” noch nachgeworfen, einfach, weil es für die Italien-Sehnsucht an sich steht. Nirgendwo halten sich Versatzstücke so lange wie in der Reisebranche und werden belanglose persönliche Befindlichkeiten häufiger mit stereotypen Floskeln als “Insidertipps” kaschiert.

Passignano in Chianti © CC BY-SA 3.0 Vignaccia 76 WC

Passignano in Chianti © CC BY-SA 3.0 Vignaccia 76 WC

Die Verrohung und Verflachung der Sinne seitens der schreibenden Zunft ist dabei nichts weiter als ein Spiegel des zunehmenden allgemeinen Desinteresses an der Umwelt. Immer mehr Menschen fühlen sich wohl in ihrer Blase und suchen in der Außenwelt lediglich die Bestätigung dessen, was sie schon immer wussten oder Tripadvisor ihnen letzthin verraten hat. Tatsächlich habe ich bereits mehrfach von Touristen gehört:”Wir waren schon oft in Italien, wir kennen alles.” Die Hybris geht nicht selten einher mit einem galoppierenden Verlust von Realität und vor allem von gesundem Menschenverstand. Im Juli wunderte sich ein Radtourist, dass er eine Herzattacke erlitt, nachdem er um 14 Uhr bei 37 Grad die Chianti-Berge (Berge! appunto) hochstrampelte. Ich habe schon Touristen gesehen, die in Flip-Flops durchs Gebirge stolperten.

Die Wirklichkeit kann mit dem Zerrbild, das die Werbung verspricht, nicht mithalten. Im Nachbarort befindet sich ein bekanntes Mode-Outlet, das mit 3 Millionen Besuchern jährlich mehr Zulauf hat als die Uffizien mit vergleichsweise läppischen 2,2 Millionen. Nur fünfhundert Meter vom Designer-Auslass entfernt liegt das einzigartige Orientschloss Sammezzano, welches in legendären 365 Sälen westliches mit östlichem Gedankengut verbindet – was vor gut 150 Jahren noch in Mode war – und seit Jahrzehnten verfällt, weil kein Investor geschweige denn Politiker die Vision des Erbauers Panciatichi für erhaltenswert hält.

Blick auf den Saal der Liebenden © Barbara de Mars

Blick auf den Saal der Liebenden © Barbara de Mars

Goethe hat die “Italienischen Reise” nicht als Konsumanleitung für Pauschaltouristen verfasst. Es ging ihm um etwas ganz anderes – nämlich um sich selbst (wie so ziemlich immer): er jagte der Ur-Pflanze hinterher, beobachtete Wetterphänomene oder Gesteinsarten, schärfte seine Sinne und feilte mithilfe von Palladio-Studien und antiken Resten an seinem ästhetischen Empfinden. Er wollte mit der Italien-Reise seinem Leben eine andere Wendung geben. Das ist ihm gelungen. Wie er sagte, waren die zwei Jahre in Italien die glücklichsten seines Lebens. Nicht, weil er am Strand abhing oder in Rom Cappuccino schlürfte, sondern weil er das Leben dort beobachtete und mitmachte und neue Anregungen fand und sich ausprobierte.

An alle, die im Urlaub chillen, shoppen, einfach nur gut essen wollen deshalb eine Bitte: kommen Sie nicht! Bleiben Sie auf Usedom, Sylt oder im Altmühltal. Dort finden Sie alles, was Sie suchen. Zumal die globale Erwärmung auf ihrer Seite und das Wetter somit kein Argument mehr ist. Die Identifikation Italiens als Land des Dolce vita mit lässigem Nichtstun und unbeschwerter Lebensfreude ist nichts weiter als ein weiteres, kolossales Missverständnis. Hier sei Fellinis gleichnamiger Film zur nochmaligen Schau anempfohlen, der genau das kritisiert, was die Touristen in Bella Italia suchen.

Denen jedoch, die neugierig sind, die sich Zeit nehmen und sich einlassen auf Dinge, die sie noch nicht kennen, die Fragen stellen, auf die sie noch keine Antworten haben, die einen Zauber suchen ohne auf der Garantie zu bestehen, ihn auch zu bekommen, all denen sei das Sehnsuchtsland Italien, das Goethe meinte, nach wie vor ans Herz gelegt.

www.florenz-toskana-tipps.de

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Bitte kommen Sie nicht hierher!

© Youtube Barbara de Mars

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