Le Cinque Terre

Le Cinque Terre

So schwer sich die Italiener politisch, kulturell oder kulinarisch mit einem nationalen Einheitsgefühl tun, umso leichter funktioniert alles im Fußball. Hier sind die Italiener einfach die “Azzurri” im himmelblauen Trikot – allerdings nicht zu verwechseln mit den französischen “les bleus”, die in einem dunkleren Blau über den Rasen rasen. Wirklich alles klar?

Azzurro ist im Italienischen ein weites Feld. Das Meer ist azzurro und der Himmel. Die Farbnuancen dessen, was als azzurro etikettiert wird, wabern von einem fedrig-leichten himmelblauen celeste zu einem tiefblauen blu und grünstichigen Türkis.

Goethe, dem auf und aufgrund seiner Italienreise ja so einiges zu Farben einfiel und der das Blau auf die Seite der passiven Farben sortierte, sagte wieder mal etwas Kluges: «Blau trägt in sich den Widerspruch von Reiz und Ruhe». Tatsächlich geht es mir genau so, dass ich mich durch ein azzurro angezogen fühle, in das ich quasi hineinspringen will. Dann aber lässt mich eine Art von Unendlichkeit doch zögert. Im Gegensatz dazu springen mich zum Beispiel Orange oder Rot eher an und vollziehen somit die umgekehrte Bewegung. Goethes Mignon-Gedicht, in dem “ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht” wird in der italienischen Übersetzung von Anita Rho und Emilio Castellani präzisiert mit cielo azzurro, nicht etwa cielo blu.

Giuseppe Meazza 1930-1933

Giuseppe Meazza 1930-1933

Die Wurzeln des italienischen Fußballtrikots liegen allerdings im blu Savoia, denn das blaue Shirt wurde Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Farbe des damals noch existierenden Königshauses besetzt. Womit wir, wie stets in Italien, die Kurve zur Politik geschlagen hätten und das unschuldige und verträumte azzurro beinahe zum politischen Statement geworden ist. Die Savoia wiederum wählten das Blau aus Verbundenheit zur Marienfigur, die in der Malerei seit dem 14. Jahrhundert oft mit blauem Mantel dargestellt wird.

Neben aller religiösen Symbolik hatte das auch ganz handfeste Gründe: die Farbe wurde aus dem Lapislazuli-Stein gewonnen, der auch der Ursprung für das Wort azzurro ist. Der Stein kam hauptsächlich aus Afghanistan und die daraus gemachten Farbpigmente kosteten genausoviel wie Gold. Also kam es immer darauf an wer die Rechnung zahlte.

Giottos Scrovegni-Kapelle in Padua oder Michelangelos “Jüngstes Gericht” in der Sixtinischen Kapelle strotzen nur so vor Lapislazuli-azzurro. Kein Wunder, bei letzterer kam der Papst für die Farbpigmente auf und Michelangelo griff zu was das Zeug hielt. Im Gewölbe der Sixtinischen Kapelle dagegen hatte Michelangelo selbst die Farben bezahlen müssen und siehe da, der Himmel blässelt, da das Blau nicht aus Lapislazuli sondern billigerem Azurit war, der nur kurze Zeit hielt und dann verblich.

Verkündigung von Beato Angelico © Barbara de Mars

Verkündigung von Beato Angelico © Barbara de Mars

Die reinste Farbe von “Ultramarin”- Blau aus Lapislazuli (weil es von “jenseits des Meeres” kam) wurde auch “Fra’ Angelico-Blau” genannt, da der später selige Fra’ Angelico – mit richtigem Namen eigentlich Guido di Pietro – als Domenikanermönch natürlich beste Verbindungen zu seinen Sponsoren unterhielt und das Blau großzügig und in bester Qualität nutzen konnte.

Das azzurro balanciert auf einem schmalen Grad zwischen Zauber und Kitsch. Dass des Guten auch zu viel sein kann merkte Adriano Celentano mit dem bekannten Lied “Azzurro”: “Il pomeriggio è troppo azzurro e lungo per me” (Der Nachmittag ist zu blau und lang für mich). Und was soll man vom principe azzurro (dem Märchenprinzen) halten, ist so einer wünschenswert?

Wer ein Gefühl für Italien entwickeln möchte, könnte zum Beispiel damit beginnen, sich vorzustellen, was denn nun azzurro für einen selbst ist. Dies in Anlehnung an Goethe, der in seiner Farbenlehre und Polemik gegen Newton eine interdisziplinäre, ganzheitliche, subjektive, sinnliche Wahrnehmung der Farben einforderte. Wahrlich ein weites Feld.

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Azzurro – Alles Klar?

Youtube Barbara de Mars

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